Amriswil
Schmökern, stöbern, staunen

Die Amriswiler Brockenstube des Blauen Kreuzes präsentiert ihre Ware – nicht nur in der Vorweihnachtszeit – wie in einem Kaufhaus.

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Roger Stieger (r.) mit einem Teil des Brocki-Amriswil-Teams in der Weihnachtsausstellung.

Roger Stieger (r.) mit einem Teil des Brocki-Amriswil-Teams in der Weihnachtsausstellung.

Bild: PD

Ein Warenhaus mit einer Abteilung voller Kleider, Schuhe und Taschen, weiter vorne eine hübsch hergerichtete Ecke, in der bunter Weihnachtsschmuck präsentiert wird, dann folgen Nähsachen, Stoffe, weiter hinten Spielsachen, Spiele, Bücher, Geschirr, Bilder, Elektronikartikel, Möbel, alles rund um den Sport und Hobbys und vieles für den Garten. Könnte die Beschreibung eines grossen Kaufhauses sein. Was hier aber beschrieben wird, ist das Brockenhaus des Blauen Kreuzes in Amriswil. Die Dinge, die sich darin befinden, sind allesamt gebraucht und wurden von ihren Besitzern gespendet. Die Auswahl ist gross, sie wächst laufend und fast alles wird nur einmal angeboten.

Die Qualität von dem, was die Leute bringen, hange direkt damit zusammen, was bereits angeboten wird, erklärt Roger Stieger, Geschäftsführer der Abteilung Prävention und Gesundheitsförderung des Blauen Kreuzes TG. «Es ist wie eine Spirale. Wenn wir nur Ware zweiter Klasse ausstellen, bekommen wir auch nur das», sagt er. Den meisten Spendern sei es zudem ein Anliegen, dass ihre Ware wieder an einen guten Ort kommt, wo sie geschätzt und genutzt wird. Aber nicht nur die Ware an sich, auch die Präsentation dieser spielt eine grosse Rolle. Da kommt es der Brocki zugute, dass die Leiterin des Bereichs Haushalt eine Ausbildung zur Innendekorateurin abgeschlossen hat.

Ein emotionales Geschäft

Angenommen wird grundsätzlich alles, das nicht verschmutzt, kaputt oder nicht mehr nutzbar ist. In einer ersten Annahme wird die Ware gecheckt, dann, wenn nötig, gereinigt, Kleider gewaschen, Technisches wird geprüft. Ware abzulehnen, ist nicht immer einfach. «Die Menschen bringen ja etwas, das sie nicht wegwerfen wollen, weil sie überzeugt sind, dass noch jemand Freude daran haben kann. Diesen Leuten dann zu erklären, dass wir das Angebotene nicht mehr verkaufen können und sie es entsorgen sollen, kann durchaus verletzend sein», so Stieger.

Speziell schwierig sei dies manchmal bei Möbeln. «Wenn zum Beispiel ein Haushalt einer älteren Person aufgelöst wird und uns Wohnzimmermöbel gebracht werden, die vor Jahren noch mehrere zehntausend Franken Wert
hätten, wären diese zwar auch heute qualitativ noch gut im Schuss, aufgrund des Designs aber dennoch schwer zu verkaufen», so Stieger. Verkauft sich etwas gar nicht, wird es heruntergesetzt, will es auch dann niemand, wird es nach einiger Zeit entsorgt.

Garantie gibt es keine

Garantie gibt es im Übrigen keine auf die Ware. «Wir prüfen alles, bevor wir es verkaufen. Geht aber etwas sozusagen auf dem Weg vom Laden zum Kunden nach Hause kaputt, sind wir kulant und stellen nach Prüfung einen Gutschein aus», erklärt Stieger. Nicht ganz einfach sei auch das Bestimmen des richtigen Preises. Den Wert der Ware zu erraten, sei je nachdem unmöglich. Deshalb werde vieles nach Gutdünken geschätzt, bei Bildern oder Schmuck wird bei Unsicherheit ein Kenner zur Beratung zugezogen. Das Risiko, dass etwas Wertvolles deutlich unter Preis verkauft wird, bleibt. Für die Käufer auch eine Chance.

In der Brockenstube in Amriswil arbeiten vier Verkäufer und ein Lehrling, der sich zum Detailhändler ausbilden lässt. Einerseits ist die Brockenstube ja dazu da, Geld für die Finanzierung der Facharbeit zu generieren, andererseits gibt es langsam auch eine Umlagerung. Viele der Angestellten in den Brockenstuben waren von der Invaliden- oder der Sozialversicherung abhängig. Jenen Menschen wird mit der Aufgabe in der Brocki wieder eine Tagesstruktur geboten. «Meine Vision wäre es, dass ich agogisch geschulte Leute einstellen könnte, die Berufswiedereinsteiger hier unterstützen», so Stieger.

Zu 95 Prozent selbstfinanziert

Alles, was in der Brockenstube des Blauen Kreuzes verkauft wird, ist für einen guten Zweck. Damit trägt sie ihren Namen mit Berechtigung. «Es ist schade, dass der Begriff nicht geschützt ist», meint Stieger. Denn heute gibt es auch Gebrauchtwarenhändler, die sich Brockenstube nennen, aber als Profitorganisation funktionieren und Ware ankaufen. Der Begriff Brockenstube kommt ursprünglich aus der Bibel, wonach Jesus seine Jünger bei der Speisung der Fünftausend dazu anleitete «... Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.» Demnach wurde Nahrung von jenen gesammelt, die sie im Überfluss hatten, und an jene verteilt, die nichts hatten.

«Unsere und auch die ursprüngliche Idee der Brockenstube ist genau das. Man gibt etwas vom Überfluss weiter und weiss, dass hier dann ein Mehrwert passiert», so Stieger. Der Schenker gibt etwas ab und tut damit Gutes, der neue Käufer hat Freude daran und der aus dem Geschäft resultierende Gewinn hilft wiederum, die Facharbeit des Blauen Kreuzes zu unterstützen. Denn mit den über 20 Brockenstuben in der ganzen Schweiz finanziert das Blaue Kreuz zu 95 Prozent die Facharbeit sowie die Programme im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung. Dazu zählen unter anderem die Blue Cocktail Bar, die roundabout-Tanzstunden oder Beratungsgruppen für Trennungs- und Scheidungskinder.

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