Thurgau
Bürgerbeteiligung holt Politiker von der Bühne

Beim Forum des Think Tank Thurgau ging es am Mittwoch im «Trauben» Weinfelden um die Bedeutung der Digitalisierung für die Politik.

Judith Schuck
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Die Podiumsteilnehmer: Noemi Heule, stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts», Reto Schubnell von der kantonalen Verwaltung und Mathias Müller, Stadtpräsident Lichtensteig.

Die Podiumsteilnehmer: Noemi Heule, stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts», Reto Schubnell von der kantonalen Verwaltung und Mathias Müller, Stadtpräsident Lichtensteig.

Bild: Michel Canonica

Thurgauer Politikerinnen und Politiker nutzen für ihre Imagepflege nicht primär Twitter oder andere Social-Media-Kanäle. Eine Umfrage bei den Gästen des Think Tank Thurgau-Podiums in Weinfelden ergab, dass für sie vor allem die Linked-in-Profile, öffentliche Auftritte und ihre Präsenz in Zeitungen von Bedeutung sind. Twitter, Facebook und Co. lagen hier weit zurück.

Überrascht über dieses Ergebnis zeigte sich Noemi Heule, stellvertretende Chefredaktorin beim «St.Galler Tagblatt»: In den sozialen Medien seien Politiker doch eigentlich gut unterwegs. Gleichzeitig freute sie sich, dass Zeitungsartikel doch so einen hohen Stellenwert einnehmen. Heule diskutierte neben Mathias Müller, Stadtpräsident von Lichtensteig, und Reto Schubnell, der in der kantonalen Verwaltung die Digitalisierung vorantreibt, auf der Podiumsbühne im Gasthaus Trauben.

Die Digitalisierung bringt Akteure auf Augenhöhe

Mathias Müller wurde aus dem Toggenburg eingeladen, da seine Gemeinde ein Pilotprojekt in Sachen Digitalisierung betreibt. Nach dem Niedergang der Textilindustrie litt Lichtensteig unter Abwanderung. «Wir stehen vor einem grossen Strukturwandel.» Um Lichtensteig wieder attraktiver zu machen, möchte er die Zukunft seiner kleinen Stadt «partizipativ planen», mit digitaler Bürgerbeteiligung.

Think Tank Thurgau-Forum unter dem Titel «Digitalisierung und Politik».

Think Tank Thurgau-Forum unter dem Titel «Digitalisierung und Politik».

Bild: Michel Canonica

Mit der App «Citizen-Talk» können Bürgerinnen und Bürger Ideen zu konkreten Fragestellungen der Stadtverwaltung vorschlagen, beispielsweise wie ein frei werdendes Gebäude künftig umgenutzt werden könnte. «Wir bekommen so hilfreiche Hinweise und Impulse», sagt Müller. Wichtig hierbei: die App müsse leicht zu bedienen sein, sonst könnten die Leute nicht mobilisiert werden. Die Digitalisierung bewirke teils, dass die Politiker von der Bühne runterkämen und sich Menschen an Prozessen beteiligten, die sonst nicht zu einer Versammlung kämen. Der Stadtpräsident betont allerdings auch, dass der physische Kontakt weiterhin wichtig bleibt.

Machen statt warten

Reto Schubnell, der in einem Kompetenzzentrum des Kantons Thurgau an der Digitalisierung der Verwaltung arbeitet, sieht sich teilweise vor grossen Herausforderungen:

«Was analog super funktioniert, wie ein Service-Schalter, ist oft knifflig zu digitalisieren.»

Dass vor allem ältere Menschen Probleme bei der Bedienung hätten, entspreche nicht seiner Wahrnehmung. Es gebe viele medienaffine ältere Menschen. Und nur, weil sich Junge mit Tiktok auskannten, hiesse das nicht, dass sie auf Verwaltungsplattformen zurechtkämen. Seine Prämisse ist aber: machen statt warten. Viele Länder seien schon wesentlich weiter. Aus dem Publikum kommt die Frage, wo die Parteien bei der Digitalisierung stünden. Schubnell findet für seine Arbeit den Austausch mit den Parteien wertvoll. «Das Angebot, auf uns zuzukommen, ist da.»

Die Zeit wird Probleme regeln

Auf die Frage von Think Tank Thurgau-Stiftungsrätin Regula Broger, inwieweit die Digitalisierung Freiheit, Demokratie und Partizipation fördere, antwortete Noemi Heule:

«Die sozialen Medien senken sicherlich die Hürden. Jeder kann mitmachen. Das Internet bringt Freiheit.»

Allerdings bildeten sich leicht Bubbles, Blasen, wo Menschen zusammenfänden, die ohnehin Interessen teilten. Die Gefahr für Manipulation und die Verbreitung von Fake News sei im digitalen Raum wesentlich höher. «Die Frage ist, wie wir damit umgehen?»

Das Forum fand im Gasthaus zum Trauben.

Das Forum fand im Gasthaus zum Trauben.

Michel Canonica

Mathias Müller sieht trotz dieser Gefahren ein hohes Potenzial für die Politik im Digitalen: «Es ist ein Prozess, in dem es auch Fehlbewegungen gibt. Die Zeit wird die Problematik mit den Bubbles und Fake News regeln.»