Hilft ein Virus, den Pilz zu bekämpfen?

Das Triebsterben der Esche lässt sich noch nicht wirksam bekämpfen. Daniel Rigling von der nationalen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft über die Chancen, eines Tages den Erregerpilz mit einem Virus biologisch in Schach halten zu können. Proben wurden auch im Kanton St. Gallen gesammelt.

Christoph Zweili
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Herr Rigling, wann haben wir die Eschenwelke im Griff?

Daniel Rigling: Für eine definitive Antwort ist es zu früh. Wir beobachten, dass ein kleiner Prozentsatz der Eschen resistent gegen den Pilz ist. Und es gibt Hinweise, dass gewisse Erreger weniger aggressiv sind. Eine Möglichkeit wäre also, mit resistenten Eschen eine neue Generation aufzubauen. Das würde aber zu einer Reduktion der genetischen Vielfalt führen, weil ein Grossteil der Bäume die Krankheit nicht überlebt.

In welchen Bereichen wurde in den letzten Jahren geforscht?

Rigling: In europäischen Forschungsprojekten werden vor allem mutmasslich resistente Eschen untersucht. In vielen Ländern war die Epidemie so schnell da, dass man im Prinzip nur noch beobachten kann, was im Wald geschieht. Das Verblüffende: Es gibt Eschen, die gut aussehen und nicht befallen werden, obwohl die Krankheit da ist. Hier setzen die Forscher an.

In Ostasien ist der Erreger der Eschenwelke harmlos. Weiss man, warum das in Europa nicht so ist?

Rigling: Die Antwort lässt sich erraten: Weil die europäische Esche nie in Kontakt kam mit dem Erreger. Die asiatische Esche hat da eine sogenannte Co-Evolution durchgemacht.

Die Bäume haben demnach gelernt, mit dem Pilz zu leben?

Rigling: Genau. Die Co-Evolutionen eines Wirts mit einem Parasiten führen häufig dazu, dass sich beide gegenseitig tolerieren. Kommt eine Baumart mit dem Erreger nicht in Kontakt, kann sie auch keine Resistenz aufbauen.

Sie arbeiten mit einer litauischen Forschungsanstalt zusammen. Wie kam es dazu?

Rigling: Es gibt ein Forschungskooperationsprogramm zwischen Litauen und der Schweiz, zum grossen Teil finanziert aus der Kohäsionsmilliarde. Wir wollen im Rahmen dieses Projekts abklären, ob es Viren gibt, die den Pilz befallen, die wir also zur biologischen Bekämpfung einsetzen können. Litauen ist darum interessant, weil die Krankheit in Europa in der Region Polen/Litauen in den 1990er-Jahren erstmals aufgetreten ist.

Wie lange forschen Sie schon in dieser Richtung?

Rigling: Wir haben 2013 begonnen und in Litauen wie auch in der Schweiz Proben gesammelt – unter anderem im Sarganserland und in der Region Wil. Uns interessiert auch die epidemische Front der Krankheit, die jetzt das Tessin erreicht hat. Wir haben ein Virus entdeckt und klären jetzt ab, ob es eine gewünschte Wirkung auf den Pilz hat.

Die Forschung kann uns also noch keine konkrete Hoffnung machen?

Rigling: Wir haben ein Virus gefunden. Ein gewisses Potenzial ist also da. Bis aber die konkrete Wirkung nachgewiesen ist, dauert es vermutlich noch zwei Jahre. So lange dauert auch das Projekt.

Wie gehen Sie vor?

Rigling: Wir untersuchen, ob das Virus die Aggressivität des Erregerpilzes vermindern kann. Zusätzlich suchen wir nach Viren im Ursprungsgebiet in Ostasien. Hier gibt es möglicherweise biologische Gegenspieler, die nicht eingeschleppt wurden. Dafür haben wir Kontakt mit japanischen Forschern aufgenommen. Es gibt auch eine Forschungsgruppe an der ETH, die sich mit der Eschenwelke beschäftigt. Die haben bereits Pilzproben in Japan gesammelt. Bei diesem Projekt ging es vor allem auch darum, nachzuweisen, dass der Pilz wirklich aus Asien stammt. Er kommt offensichtlich auch in China vor – ob er wirklich aus Japan stammt, ist noch nicht bewiesen. Die Vermutung liegt nahe, dass er mit Eschenpflanzen aus dem ostasiatischen Raum eingeschleppt wurde. Es ist eine ähnliche Situation wie bei einer anderen eingeschleppten Krankheit, dem Kastanienrindenkrebs. Das ist ein Pilz, der ursprünglich aus Japan und China kommt und der in den 1930er-Jahren nach Europa verschleppt wurde und hier zu grossen Schäden bei der Edelkastanie geführt hat. Inzwischen wurde ein Virus gefunden, das sich für die biologische Bekämpfung des Rindenkrebses eignet. Daran orientieren wir uns jetzt.