Kreisgericht St.Gallen
Geliebte stirbt beim Sex: St.Galler Chefarzt wegen fahrlässiger Tötung angeklagt

Der Sex war einvernehmlich, doch er endete tödlich. Die Geliebte eines St.Galler Chefarztes soll wegen harter sexueller Praktiken verstorben sein. Er muss sich heute Mittwoch vor dem St.Galler Kreisgericht verantworten.

Noemi Heule
Merken
Drucken
Teilen
Der Sex dauerte gemäss Anklageschrift mehrere Stunden.

Der Sex dauerte gemäss Anklageschrift mehrere Stunden.

Bild: iStockphoto

«Ich habe Besuch aus Italien, nun ist die Frau verstorben.» Mit diesen Worten wandte sich ein St.Galler Chefarzt am 12. August 2015 an die Stadtpolizei. Der Anruf um 01.15 Uhr markiert das Ende eines langen Abends mit «intensiven Sexspielen», wie es in der Anklageschrift heisst. Der 55-jährige Arzt, für den die Unschuldsvermutung gilt, muss sich heute Mittwoch vor dem Kreisgericht St.Gallen verantworten. Die Anschuldigungen: Fahrlässige Tötung und unterlassene Hilfe.

Die beiden Liebhaber hatten sich im Tessin kennengelernt und seit Frühling 2015 eine Beziehung unterhalten. Diese sei vornehmlich sexueller Natur gewesen, heisst es in der Anklageschrift. Dem folgenschweren Treffen gingen rege Whatsapp-Korrespondenzen voraus. Das Paar tauschte Nacktfotos aus, unterhielt sich über Fesselspiele, andere sexuelle Phantasien und darüber, was sie miteinander anstellen würden.

Zahlreiche Verletzungen zeugen von Druckeinwirkung

Es blieb nicht bei den Fesselspielen, nachdem die Frau ihr Auto am 11. August um 18.19 Uhr in St.Gallen parkiert hatte. Der Abend startete mit Champagner und endete nach einem Intermezzo in der Dusche im Schlafzimmer. Die Staatsantwaltschaft schreibt: «Sie liebten sich in verschiedenen Stellungen während mehrerer Stunden», wobei der Beschuldigte die Verstorbene «hart angefasst» habe.

Viel länger als die Liste der verwendeten Sexspielsachen ist denn auch jene der Verletzungen des Opfers. Hämatome, Kratzer und Narben an Armen, Beinen und am Oberkörper zeugen von Gewalt. Die blauen Flecken sind gemäss Anklageschrift in zeitlicher Nähe zum Tod entstanden.

Wann dieser genau eintrat, bleibt unklar. Das spätere Todesopfer hatte während des Abends immer wieder Kontakt zu ihrem Ehemann. Ob sie sich am nächsten Tag sehen, fragte er. Seine letzte Nachricht um 23.52 Uhr blieb unbeantwortet. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Frau zwischen 0.40 und 1.15 Uhr während des Sex verstorben ist.

Polizei gerufen und Sexspielzeug verstaut

Für den plötzlichen Tod macht die Staatsanwaltschaft nicht nur die sexuellen Handlungen, sondern auch die körperliche Verfassung der Frau verantwortlich. Er stehe in Zusammenhang mit «ihrer Untergewichtigkeit, der intensiven und gewaltbetonten sexuellen Betätigung mit dem Beschuldigten während Stunden, begünstigt durch die hohen Temperaturen und die fehlende Flüssigkeitsaufnahme». Es sei auch möglich, dass es zu einer Sauerstoffunterversorgung gekommen sei.

Der verheiratete Chefarzt habe den Tod der Italienerin fahrlässig in Kauf genommen, ist sich die Staatsanwaltschaft sicher. Zudem beschuldigt sie den Mann der unterlassenen Hilfeleistung. Er verzichtete darauf, die Ambulanz zu alarmieren oder lebensrettende Massnahmen zu ergreifen. Stattdessen verständigte der Mann die Stadtpolizei, bevor er das Sexspielzeug im Keller verstaute. In der Anklage heisst es:

«Die Pflicht zur sofortigen Hilfeleistung musste ihm als Arzt bewusst sein.»

Die Anklage fordert eine bedingte Geldstrafe von 240 Tagessätzen à 650 Franken. Zudem soll der Arzt eine Busse von 6500 Franken bezahlen.

Die Gerichtsverhandlung war ursprünglich auf Montag, 18. Januar, angesetzt, wurde damals aber kurzfristig wegen der Coronasituation verschoben.