Für Kunden: Villa, 40 000.–

Da müsse sie zuerst den Kunden fragen, sagt die freundliche junge Frau, die im Eingang zur Villa steht – in Socken. Vor ihr verschlammte Gummistiefel und Wanderschuhe. Zwei Männer drängen sich an ihr vorbei, tragen rote Teppiche in die Villa.

Mathias Frei
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Morast statt roter Teppich: Am Mittwochnachmittag ist die Villa für den Kunden noch nicht bezugsbereit. (Bilder: Nana do Carmo)

Morast statt roter Teppich: Am Mittwochnachmittag ist die Villa für den Kunden noch nicht bezugsbereit. (Bilder: Nana do Carmo)

Da müsse sie zuerst den Kunden fragen, sagt die freundliche junge Frau, die im Eingang zur Villa steht – in Socken. Vor ihr verschlammte Gummistiefel und Wanderschuhe. Zwei Männer drängen sich an ihr vorbei, tragen rote Teppiche in die Villa. Die riesige Glasfront gewährt Einblick ins Innere des Containerbaus. Kleine Palmen, wahrscheinlich nicht aus Plastik, lassen sich erkennen, einige Loungemöbel in der einen Ecke, in der Mitte ein riesiger Flachbildschirm. Das ist Glamping par excellence und bedeutet so viel wie: Glamour trifft Camping. Aber bitte die dreckigen Schuhe ausziehen.

Zu morastig für Zügelwagen

Satte 40 000 Franken kostet das Villa-Anwesen am Open Air Frauenfeld. Wer will sich so etwas leisten? Am Mittwochnachmittag ist der Kunde auf jeden Fall noch nicht eingezogen. Für einen Zügelwagen wäre der Boden direkt vor der Villa noch ein wenig zu morastig. Für sein Geld bekommt der Kunde aber auch etwas, nämlich Platz für zwölf Personen. Das heisst: sechs Schlafzimmer, drei Badezimmer, einen Whirlpool. Auf der Terrasse vor der Villa steht ein Cactus-Jack-Smoker-Grill, entweder Special-Edition oder Longhorn-Variante. Den Privatkoch gibt's obendrauf.

Kunde wünscht keine Fotos

Mittlerweile ist ein Marlboro-SUV vorgefahren. Einer mit Hipster-Schnauz steigt aus. Ist das der Kunde? Nein, er gehört auch zur Kundenbetreuung. Er ist freundlich, aber sagt bestimmt: «Nein, der Kunde wünscht das nicht.» Kein Rundgang durch die Villa. Keine Fotos. «Sorry, gell», entschuldigt sich der Kundenbetreuer. «Vielleicht morgen», schiebt er nach. Vielleicht stelle das Open Air auch Bilder der Villa zur Verfügung. Eine Hausführung tut dem Kunden doch nicht weh, herrje. Und wenn nicht picobello aufgeräumt ist, nimmt ihm das niemand übel. Ist ja schliesslich ein Open Air. Von Promis wie 50Cent, Snoop Dog, Naomi Campbell oder Robbie Williams weiss man ja seit der Reality-Show «Cribs» auf dem US-Fernsehsender MTV auch, wie ihre Villen aussehen. Sei's so.

Wie in Skandinavien

Keine zehn Meter entfernt befindet sich das Check-In für die VIP-Ticket-Plus-Inhaber, welche im Zweier-Zelt mit Stromanschluss und Luftmatratze (à 550.–/Person) oder im Doppelzimmer-Container mit Hängeschrank, in richtigen Betten und auf Parkettboden (à 750.–/Person) nächtigen wollen. Mit viel Vorstellungsvermögen wirken die Container wie eine Blockhütten-Siedlung in den Skandinavien-Ferien. Die Zelte stehen auf kleinen Podesten. Jedes Zelt hat eine kleine Terrasse. Dazu gibt's grosszügige sanitäre Anlagen, die stündlich gereinigt werden. Diego Schweizer, Geschäftsführer der Veranstaltungsinfrastruktur-Firma EPS, preist die Vorteile «seiner» Angebote an: «Ein trockener, abschliessbarer Rückzugsort am Open Air.» Eingecheckt haben bisher erst zwei Besucher – obwohl so ein Container im Vergleich zur Villa einem Schnäppchen gleichkommt.