Frauenratgeber der St.Galler Kantonspolizei
«Diese Botschaften geben Betroffenen das Gefühl, sie können sich nicht an die Polizei wenden»: Das sagt die Opferhilfe St.Gallen zu den Tipps für den Heimweg

Ein Ratgeber der St.Galler Kantonspolizei stiess am Wochenende auf Kritik. Darin schreibt die Polizei unter anderem, Frauen sollen nicht zu tief ins Glas schauen und selbstbewusst auftreten, um sich vor Übergriffen zu schützen. Monica Reinhart, Beraterin bei der Opferhilfe der Kantone St.Gallen und beider Appenzell, erklärt, weshalb solche Tipps problematisch sind.

Natascha Arsić
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Betroffene machen sich oft Vorwürfe, «das Falsche» angehabt zu haben. Doch: «Das eigene Verhalten kann sexualisierte Gewalt nicht verhindern», sagt die Beraterin der Opferhilfe.

Betroffene machen sich oft Vorwürfe, «das Falsche» angehabt zu haben. Doch: «Das eigene Verhalten kann sexualisierte Gewalt nicht verhindern», sagt die Beraterin der Opferhilfe.

Symbolbild: Getty Images

Viele Frauen kennen die Situation leider nur allzu gut: Man läuft abends nach Hause und merkt, dass da jemand hinter einem ist. Immer wieder schaut man über die Schulter, tausend Gedanken schiessen durch den Kopf: Ist die Person näher gekommen? Geht sie schneller als vorhin? Nimmt sie bewusst dieselbe Abzweigung? Sicherheitshalber umklammert man die Schlüssel, um sich im Notfall wehren zu können und hofft, sicher daheim anzukommen.

«Treten Sie selbstbewusst auf», rät die Kantonspolizei St.Gallen in solchen Fällen. «Frauen, die Selbstbewusstsein ausstrahlen, werden weniger belästigt als verschreckte Frauen, die unsicher nach Hause huschen», heisst es unter anderem im Kapo-Ratgeber «Frauen alleine unterwegs», der vor zwei Jahren publiziert wurde.

Monica Reinhart, Sozialarbeiterin FH und Beraterin bei der Opferhilfe der Kantone St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden.

Monica Reinhart, Sozialarbeiterin FH und Beraterin bei der Opferhilfe der Kantone St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden.

Bild: PD

Doch ist dem wirklich so? Muss Frau bloss breitschultrig hinstehen, und dann passiert ihr nichts? «Nein, das stimmt nicht», sagt Monica Reinhart, Sozialarbeiterin FH und Beraterin bei der Opferhilfe der Kantone St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden. Zu glauben, wenn man sich «bloss richtig verhält», passiert einem nichts, gebe ein falsches Gefühl von vermeintlicher Sicherheit. Solche Tipps vermitteln laut Reinhart die falsche Botschaft, denn:

«In einem solchen Moment kann man sexualisierte Gewalt nicht durch sein Verhalten verhindern.»

Fokus auf Opfer statt Täter

Die Polizei hat den Ratgeber nach einem Shitstorm in den sozialen Medien vom Netz genommen. «Die Kantonspolizei St.Gallen wollte mit diesen Tipps nur Gutes tun. Wir haben zu wenig darauf geachtet, dass wir damit bei den Frauen Gefühle verletzen könnten. Wir entschuldigen uns dafür», schreibt Mediensprecher Hanspeter Krüsi auf Anfrage. Weiter hält er fest, dass der Ratgeber mehrere Jahre alt sei und nicht mehr den heutigen Anforderungen an eine ausgewogene Formulierung mit Täter- und Opfersicht entspreche.

Dieser Meinung ist auch Monica Reinhart. «Mit einem solchen Ratgeber gibt man die Verantwortung der Frau ab. Dies ist zu verkürzt gedacht.» Wenn die Polizei diese Botschaften aussendet, löse das bei Betroffenen das Gefühl aus, sie könnten sich nicht an die Polizei wenden und Anzeige erstatten, weil sie für das Widerfahrene selbst verantwortlich seien. Ein solches Denken wiederum würde gemäss der Beraterin der Opferhilfe verhindern, dass genügend Unterstützung gesucht wird, wenn jemand sexualisierte Gewalt erlebt.

«Man fokussiert sich zu stark auf das Verhalten von möglichen Opfern, anstatt zu schauen, wo umfassende Gewaltprävention nötig ist.»

Die Kantonspolizei St.Gallen will nun sämtliche präventive Ratgeber auf ihrer Website dahingehend überprüfen, so Krüsi.

Mit Bildung gegen Gewalt

Laut einer Umfrage von Amnesty International aus dem Jahr 2019 hat in der Schweiz mindestens jede fünfte Frau ab 16 Jahren einen sexuellen Übergriff erlebt. Mehr als die Hälfte der rund 4500 befragten Frauen gibt an, eine Belästigung in Form von unerwünschten Berührungen, Umarmungen oder Küssen erlebt zu haben. Ausserdem machen sich 40 Prozent im Alltag Sorgen, sexuell belästigt zu werden.

Gerade einmal die Hälfte der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, sprechen darüber. Zehn Prozent melden den Übergriff der Polizei, und nur acht Prozent erstatten schliesslich Strafanzeige. Den Grund für das Schweigen sieht die Sozialarbeiterin Monica Reinhart im Mythos, dass die Frau eine Mitschuld trägt und Betroffene sich für das Erlebte schämen.

«In unseren Beratungen haben wir oft Frauen, die sich beispielsweise fragen, ob sie etwas Falsches anhatten und was sie hätten anders tun können.»

Das wirke sich auf die Betroffenen sehr belastend aus. «Dabei können sich die meisten gar nicht wehren, weil sie in eine Art Schockstarre fallen», erklärt Reinhart. Deshalb sei es unheimlich wichtig, kein sogenanntes «Victim-Blaming» zu betreiben. Vielmehr sollte man bei den gewaltausübenden Personen genauer hinschauen.

«Es ist mehr Aufklärungsarbeit nötig, und das bereits im Kindergarten und der Primarschule», sagt die Sozialarbeiterin. Der Fokus müsse auf dem Thema «wie kann man Gewalt durch Bildung verhindern» liegen. Den Kindern soll in der Schule beigebracht werden, dass Gewalt weder eine Lösung ist noch toleriert wird, und gleichzeitig sollten alternative Bewältigungsstrategien für Frust aufgezeigt werden.

Dass Frauen öfter Opfer von sexualisierter Gewalt sind als Männer, liegt am patriarchalen Geschlechterverhältnis. «Vielfach geht es gar nicht um die Sexualität, sondern um Machtausübung und um die eigene Bedürfnisbefriedigung», so Reinhart. Und so lange an diesen Strukturen nicht gerüttelt wird und Vergewaltigungsmythen gesamtgesellschaftlich zementiert werden, werden Frauen auf dem Nachhauseweg die Schlüssel umklammern und sich fragen, ob sie einen Minirock oder doch lieber die Jeans anziehen sollen.

Mit der App nach Hause begleiten lassen

Die Axa-Versicherung hat Ende 2019 die kostenlose App «WayGuard» veröffentlicht, die mit Hilfe von Standort-Tracking, Chats und Notfallknopf-Funktion «Frauen sicher nach Hause zu begleiten» soll. Aktuell nutzen das Angebot mehr als 26'000 Personen, davon sind 56 Prozent Frauen und 17 Prozent Männer (bei den restlichen 27 Prozent fehlt die Angabe). Die Nutzerinnen und Nutzer in der Ostschweiz machen laut Axa etwa 10 Prozent der schweizerischen Gesamtnutzer aus. Seit der Lancierung haben über 42'000 Personen den Begleitservice in Anspruch genommen, 500 Calls wurden mit dem «WayGuard»-Team geführt. Schweizweit wurden 117 Notrufe ausgelöst. Die Axa hält jedoch fest: «Viele davon sind aber auch Test- oder versehentliche Anrufe».