Der Spinner vom Kreuz

Benedikt Wälder hat sich selbst zum Mönch ernannt und ein Kloster gegründet: Ein Querdenker und Netzwerker, ziemlich schräg in der Klosterlandschaft. Michael Hug

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Benedikt Wälder geht den Weg des Mönchs: «Mönch zu sein ist vielmehr Berufung als Beruf.» (Bild: Reto Martin)

Benedikt Wälder geht den Weg des Mönchs: «Mönch zu sein ist vielmehr Berufung als Beruf.» (Bild: Reto Martin)

«Wozu ist ein Mönch da? «Um wie alle anderen auch ein Leben in Anstand und Würde zu leben», sagt Benedikt Wälder, Mönch. «Da ist aber noch etwas, das man mit Berufung bezeichnet. Man entscheidet sich, einer Anziehungskraft zu folgen, und geht dann einen Weg.» Die Faszination für das Monastische habe er schon als Jugendlicher gespürt. Nein, ein Ziel gäbe es nicht dabei, jedenfalls habe er kein Ziel gehabt, als er jenen Entscheid gefällt habe mit 39.

Der Entscheid, im übrigen, habe an seiner Lebensausrichtung nicht viel geändert, er habe einfach weiterhin das gemacht, was er vorhin schon als seine Lebensaufgabe angesehen habe. Mit dem Entscheid aber habe er den bewussteren Umgang mit Spiritualität entwickelt.

Verschiedenste Berufsrollen

Nach Jahren verschiedenster Berufsrollen im Medien-, Sozial- und Kulturbereich, in Teil- und Vollzeitengagements, freischaffend und angestellt, dem inneren Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit, nach einem «anderen» Leben folgend, beginnend in einer basiskommunistischen Kommune in Zürich und endend in einem Sozialprojekt für benachteiligte Menschen im Tessin, fiel der Entscheid: «Jetzt bekenn ich mich dazu!»

Drei Jahre dauerte sein selbstauferlegtes Noviziat. Was er zu lernen bereit war, lernte er in mehreren Männerklöstern und suchte es in ausgeliehenen Standardwerken. «Nicht der klassische Weg», meint Wälder. «Ich habe auch kein Gelübde abgelegt», verrät er, «ich habe meinen eigenen Weg abseits einer klassischen monastischen Karriereplanung gesucht, weil ich die Wege gehen wollte, die die Gründer gingen.»

Wo Gott hockt

«Ich weiss nicht, wo Gott hockt», ist seine Erfahrung, und «diese Suche beginnt erst da richtig, wo die meisten aufgeben.» Auf seiner Suche fand er kein Kloster, in dem er sich längere Zeit wohlgefühlt hätte. Also gründete er im ehemaligen Restaurant «Kreuz» im thurgauischen Tobel sein eigenes Kloster und bietet jungen Mönchen auf Zeit ein Refugium. Ein Haus namens «Kreuz» – ein Zufall? Das Klosterleben richte sich weitgehend nach den Regeln des Benedikt von Nursia, erläutert Wälder, somit sei das «Kreuz» eine Art Benediktinerkloster. Sein Rufname sei im übrigen sein zweiter Vorname. Auch dies ein Zufall?

Spinner vom Kreuz

Er werde mitunter «der Spinner vom Kreuz» genannt, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. Der Grund liegt wohl darin, dass Wälder kein unauffälliger Einsiedler ist, sondern mitten im Dorf wohnt, sich am öffentlichen Leben beteiligt und sich seiner Stimme nicht enthält: «Zweifler fragen konsequenter als manche sogenannt Fromme es tun.» Als es um die Sanierung der benachbarten Komturei ging, einer heruntergekommenen, fünf Hektaren grossen Liegenschaft in kantonalem Besitz, stellte sich Wälder als Stiftungsratsmitglied zur Verfügung. Die Stiftung wurde vom Kanton Thurgau mit knapp drei Millionen Franken ausgestattet mit dem Auftrag, ein soziokulturelles Projekt darin zu verwirklichen. Doch das Projekt scheiterte aus verschiedenen Gründen, das Geld aber war verbraucht. Der Schwarze Peter lag für viele beim «Spinner vom Kreuz», «obwohl ich ja erst dazustiess, als das Geld schon weg war», so Wälder. Die Komturei wurde im übrigen 1099 von den Johannitern gegründet. Ein Orden – wieder ein Zufall?

Treibende Kraft

Noch immer aber versucht ein ehrenamtlicher Stiftungsrat die Komturei mit neuem Leben zu füllen. Bruder Benedikt ist als Co-Präsident die treibende Kraft. Zudem ist er Mitglied im Vorstand des Vereins Tatort Komturei, der jährlich die Kunstausstellung «Tatort» organisiert. Daselbst erfüllt Wälder noch einen weiteren Job, den des Pilgervaters. Tobel liegt nämlich auf der «Schwabenweg»-Variante des Jakobswegs nach Santiago de Compostela. Es war also naheliegend, in einem der leerstehenden Gebäude der Komturei eine Pilgerherberge einzurichten. Nur, die meisten sogenannten «Pilger», die heutzutage unterwegs sind, seien weit weg von dem, was das Pilgern eigentlich bedeutet, sagt Wälder: «Das wird zunehmend zu einem Wanderzirkus. Wirklich tiefe Begegnungen geschehen sehr selten.»

Stundenlange Debatten

Dabei liebt er tiefschürfende, stundenlange Debatten bei sich leerenden Weingläsern und füllenden Aschenbechern. Aber es liegt ihm fern zu missionieren: «Ich bin selbst ein Suchender und habe Gott bisher nicht gefunden.» Kernige Aussagen gehören zu seinem Vokabular: «Jesus wird dir nicht helfen, schau hin, er ist an Händen und Füssen festgenagelt, du musst es selber in die Hand nehmen!» Niemand kann behaupten, er wisse, wer oder was Gott ist: «Jeder hat sein eigenes Bild von Gott, er darf einfach nicht glauben, dass es für seinen Nächsten auch gilt.»

Doch was tut ein Mönch im Alltag? «Ich betreibe Seelsorge, bin Gastgeber, ich höre zu, ich organisiere, diskutiere, vermittle, vernetze, leite Baustellen in der Komturei. Und ich bin mit etwas Besonderem ausgestattet worden: Dort wo ich bin, ist immer etwas los.»

Ora et labora

Einfach macht es sich Bruder Benedikt aber nicht. Rückzug und Einkehr ist selbstauferlegte Pflicht: «Ich bete das Stundengebet wie alle Benediktiner und aus dem Antiphonar.» Das Antiphonar ist ein Gesangbuch, das die Psalmen einschliesslich der Eingangs- und Schlussgesänge der verschiedenen Tages-, Jahres- und Festzeiten zusammenstellt. Wälder: «Beten ist Meditieren und damit der erholsame Teil des Tages.»

Entspannend wäre auch die Arbeit mit der Kunst, sinnt er: «Mit Kunst setze ich mich fast ebenso lang auseinander wie mit der Spiritualität. Nur komme ich in letzter Zeit nicht mehr oft dazu.» In seinem Arbeitszimmer stehen vier Pulte: «Eins für alle Computerarbeiten, eins für die Komturei, eins für die Kunst und eins für die Tatort-Ausstellungen.» Indes resultiert aus allen seinen Tätigkeiten kein materieller Lohn: «Ich hatte das Glück, etwas zu erben. Das reicht noch einige Zeit.»