Der Gedächtnis-Spezialist

ST.GALLEN. Der Arzt Daniel Inglin kann sich unzählige Dinge merken. Vielleicht auch, weil sein Spezialgebiet die Alzheimer-Krankheit ist. Am Samstag bekommt er den Fokuspreis der Alzheimer-Vereinigung für sein Lebenswerk.

Sina Bühler
Drucken
Daniel Inglin, langjähriger Leiter der Memory Clinic in St.Gallen, wird am Samstag geehrt. (Bild: Coralie Wenger)

Daniel Inglin, langjähriger Leiter der Memory Clinic in St.Gallen, wird am Samstag geehrt. (Bild: Coralie Wenger)

Manchmal, bei langen Autoreisen, spielt er dieses Spiel: «Ich schaue, wie viele Autonummern ich mir merken kann.» Daniel Inglin ist gut darin. Er sagt: «Es ist hauptsächlich eine Konzentrationsfrage. Wer behauptet, er könne sich nichts merken, konzentriert sich einfach lieber auf anderes.» Ausser natürlich, das schlechte Gedächtnis hängt mit einer Krankheit zusammen wie beispielsweise Alzheimer, Daniel Inglins Spezialgebiet. Er arbeitete fast 30 Jahre lang am St. Galler Bürgerspital mit dementen Patienten. Gedächtnistests waren immer Teil der Arbeit – allerdings nicht als Training, sondern um herauszufinden, ob Patientinnen und Patienten Alzheimer haben.

Meister im Täuschen

Seit deren Gründung 1995 war Daniel Inglin Leiter der Memory Clinic am Bürgerspital. «Das englische Wort Clinic bedeutet auf Deutsch nicht Klinik, sondern eher etwas wie Ambulatorium», erklärt Daniel Inglin. Die Patientinnen und Patienten werden von ihren Hausärzten zur Abklärung geschickt und immer von Angehörigen begleitet. Das sei unglaublich wichtig, denn Alzheimer-Kranke könnten meisterhaft täuschen. Nicht aus Bösartigkeit natürlich, sondern aus Selbstschutz und infolge ihrer Vergesslichkeit.

«Da kann uns ein älterer Mann voller Überzeugung und detailliert erklären, wie er den ganzen Haushalt selber schmeisst und putzt und kocht. Und dann befragen wir seine Tochter, die uns sagt, das habe er seit einem Jahr nicht mehr gemacht.»

Freude an Patientenkontakten

Zur Medizin kam Daniel Inglin auf ungewöhnliche Art. Sein bester Freund überredete ihn dazu. «Und weil ich bereits ein Chemiepraktikum bezahlt hatte. Das kostete 48 Franken, die sonst verfallen wären», erzählt er und lacht. Nach der technischen Matura in der Kanti Wetzikon habe er nur gewusst, dass er irgendetwas Wissenschaftliches studieren werde. «Auch an der Uni war ich nicht unbedingt der Vorzeigestudent. Ich ging in den Pausen oft mit Kollegen zum Flippern, spielte viel Fussball anstelle Vorlesungen zu besuchen», erzählt er.

Freude und Interesse für die Medizin wurden durch erste Patientenkontakte geweckt. Nach einer breiten Ausbildung zum Allgemeinmediziner an verschiedensten Kliniken im In- und Ausland folgte eine letzte Assistentenstelle in der Geriatrie und Rheumatologie. Die Anstellung war schon zu Ende, als am Bürgerspital St. Gallen eine Stelle als Oberarzt ausgeschrieben wurde: «Ich habe mir das zuerst nicht zugetraut. Meine Chefs haben dann praktisch meine Bewerbung geschrieben und ich habe den Job bekommen.» Inglin ist geblieben, vor allem weil ihn die Betreuung älterer Patienten mit ihren spannenden Biographien immer mehr faszinierte. In St. Gallen initiierte er unter anderem die Gründung der Alzheimersektion St. Gallen-Appenzell.

Daniel Inglin ist seit Ende Mai pensioniert. Alzheimer beschäftigt ihn aber weiterhin. Er wird beispielsweise in einer Expertengruppe mitarbeiten, die sich mit der Urteilsfähigkeit von dementen Menschen befasst. Er bleibt in der lokalen Alzheimer-Vereinigung aktiv, gibt Pensionierungskurse bei Pro Senectute, spielt aber auch Fussball und trainiert eine Juniorenmannschaft. Er findet dabei eigentlich, dass er es sehr ruhig angehe.

Weiterarbeiten, das wäre für ihn nicht in Frage gekommen. Nicht nur wegen der in seinen Augen unmöglichen Fallkostenpauschalen im Gesundheitswesen, die vor allem geriatrische Kliniken extrem trifft. «Am Waidspital haben sie ausgerechnet, dass pro Patient ungefähr 8000 Franken fehlen, die durch die Versicherungen nicht gedeckt werden.» Am liebsten habe er immer seine Kinder betreut. «Dafür habe ich jetzt endlich genug Zeit», sagt er. Er hat fünf Kinder, drei sind bereits erwachsen. Aber mit seiner jetzigen Partnerin hat er nochmals zwei Kinder, die heute drei und sieben Jahre alt sind. Er, der eigentlich alles immer auf sich zukommen liess, hat lange überlegt, ob er ein alter Vater sein wollte. Jetzt hält es ihn jung.

«Die Belastung ist riesig»

Ist Alzheimer die schlimmste Krankheit überhaupt? – Eine schwierige Frage, aber bei Demenz sei die Dimension schon extrem: «Zum einen leiden die Patienten stark unter ihrer zunehmenden Vergesslichkeit und dem Verlust weiterer höherer Hirnfunktionen, zum andern ist die Belastung der Angehörigen riesig, insbesondere die psychische Belastung durch die Persönlichkeitsveränderungen.» Um die Patienten und deren Angehörige kümmern sich unter anderem Freiwilligenorganisationen wie die Schweizerische Alzheimervereinigung mit ihren Sektionen, hier die Sektion St. Gallen-Appenzell. Morgen Samstag, einen Tag vor dem Weltalzheimertag, verleiht sie Daniel Inglin den Preis für sein Lebenswerk.

Preisverleihung und Filmmatinee mit «Vergissmeinnicht», 20. September 2014, 9 Uhr, Kinok St. Gallen