Der die Kuhsignale deutet

Wenn sich Kühe anders verhalten als üblich, ist manch Rindviehhalter ratlos – sofern er es überhaupt feststellt. Rindvieh-Experte Christian Manser hingegen weiss genau, was vor sich geht. Er hat sich auf Kuhsignale spezialisiert.

Jana Rutarux
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Christian Manser berät Bauern bei der Viehhaltung - dann ist er im Element. Ich kann ihn für eine Reportage zu einem Biobauern begleiten. Wir treffen uns bei Landwirtschaftlichen Zentrum und gehen dann alle gemeinsam zum Bauern. Bei der Bauern Familie Lenggenhager. (Bild: Coralie Wenger (Coralie Wenger))

Christian Manser berät Bauern bei der Viehhaltung - dann ist er im Element. Ich kann ihn für eine Reportage zu einem Biobauern begleiten. Wir treffen uns bei Landwirtschaftlichen Zentrum und gehen dann alle gemeinsam zum Bauern. Bei der Bauern Familie Lenggenhager. (Bild: Coralie Wenger (Coralie Wenger))

FLAWIL. Christian Manser steht vor zwanzig Kühen, die ihn alle mit grossen, neugierigen Augen anstarren. Er wirft einen forschenden Blick auf sie und ihren Laufhof. Dann dreht er sich um und sagt, «ich weiss, wo das Problem liegt».

Christian Manser ist Leiter der Fachstelle Rindvieh des Landwirtschaftszentrums St. Gallen und ist verantwortlich für die Tierausstellung der Olma. «Die Arbeit mit den Kühen ist meine Leidenschaft», sagt er. Seit fünf Jahren besucht er Bauern auf ihren Höfen und berät sie in Sachen Stallbau und Rindviehhaltung. Er erkennt einzig an der Körperhaltung, dem Aussehen und dem Verhalten der Kuh, was ihr fehlt. Er spricht dabei von Kuhsignalen.

Kühe liegen lieber im Dreck

Drei- bis fünfmal in der Woche führt Manser Kuhsignal-Beratungen durch. Diesmal hat ein Biobauer aus Flawil um seinen Besuch gebeten. Der 34jährige Stefan Lenggenhager versteht nicht, was mit seinen 50 Kühen los ist. Um den Boden rutschsicher zu machen, hat er seit sechs Wochen seinen Laufhof mit Gummimatten ausgelegt – und seine Kühe hinterlassen dort nicht nur ihren Dreck, sie legen sich auch noch darauf hin. So werden ihre Euter schmutzig, was beim Melken zusätzlichen Aufwand bedeutet. «Anscheinend ist es für die Kühe bequemer, draussen in ihrem eigenen Dreck zu liegen, als drinnen im weichen Stroh», sagt Manser.

Grüner Anzug und Gummistiefel

Als erstes schlüpft der 45-Jährige in seinen grünen Anzug und die Gummistiefel. Sein Notizbrett klemmt er sich unter den Arm – benutzen wird er es dieses Mal nicht, dafür geht es später fast unter einem Haufen Stroh verloren. Seinem Forscherblick bleibt nichts verborgen: Sofort stellt er «Dinosaurierbuckel» – also einzelne krumme Rückenwirbel –, eine gebrochene Rippe oder gar ein Lungenproblem fest. Selbst welche Kuh schlecht in der Herde integriert ist, entgeht dem Experten nicht. «Deine Kühe sagen mir, dass die Liegeboxen vorne zu hart sind und sie nur schwer aufstehen können», sagt er zu Lenggenhager.

Mut zur Sauerei

Dass die Kühe zu diesem Zeitpunkt draussen stehen und ihm bei der Arbeit zuschauen, gefällt ihm gar nicht: «Die Tiere haben keine Zeit zum Rumstehen. Entweder fressen oder ruhen sie.» Eine Kuh, die viel liegt, sei gesünder und gebe mehr Milch.

Das Fazit am Ende des Rundgangs ist ernüchternd: Die 17jährige Stallvorrichtung ist nicht mehr optimal für die grossrahmigen Kühe und die Liegeboxen sind vorne zu kurz – gleich dort im Stroh führt er seinem Kunden auf allen vieren vor, was er damit meint. «Man muss sich in die Kuh hineindenken», sagt er. Mittlerweile ist auch Vater Lenggenhager dazugestossen und hört sich die zahlreichen Verbesserungsvorschläge von Manser an. Dazu gehören eine Öffnung der Seitenwände und Veränderungen an den Liegeboxen. Für diese müssten dickere «Strohmatratzen» aufgebaut werden: Am einfachsten wird dies mit dem Einmischen von Kuhmist erreicht. «Das ist wie in einem Hotel. Dort schaut man auch nicht unter die Matratze. Ob es unten drin hygienisch ist, ist unwichtig, solange ein sauberes Leintuch darüber liegt», sagt Manser. «Ihr müsst den Mut haben, eine Sauerei zu machen.» Würden seine Vorschläge umgesetzt, könne die Familie mit bis zu 500 Litern Milch pro Kuh und Jahr mehr rechnen.

«Wohl eher ein Kuhzuhörer»

Die Lenggenhagers sind froh um die Beratung: «Wenn eine Kuh krank wird, dann fragen wir uns immer zuerst, was wir falsch gemacht haben», sagt Emil Lenggenhager. «Wenn die Kuh glücklich ist, ist es die Bauernfamilie auch», sagt Manser dazu. Er selber hat zwar keine Kühe, aber es komme ihm manchmal so vor, als ob die Kühe seiner Kunden zu einem Teil seine eigenen wären. Ist er ein Kuhflüsterer? – «Wohl eher ein Kuhzuhörer», meint er.

Momentan ist Manser hauptsächlich mit der Olma beschäftigt. Noch während der Rückfahrt vom Biohof erhält er einen Anruf: Eine Person im Stallteam hat das Bein gebrochen. Nun müssen sie einen Ersatzmann suchen. Die Kühe an der Olma sind also in besten Händen – denn auch dort wird gemäss Manser der Liegebereich immer weiter optimiert.

Zu den Kuhglocken, welche angeblich die Kühe schwerhörig machen sollen, sagt er: «Ich weiss von Kühen, die ein Problem damit haben, wenn auf einmal eine andere Kuh ihre Schelle trägt. So unangenehm ist es wohl nicht in jedem Fall, mit dem Ding unterwegs zu sein.»

Auf dem Biobauernhof Lenggenhager: Christian Manser (grüner Anzug) analysiert die Gesundheit der Kühe, gibt Tips zur Stall-Optimierung und klettert in Liegeboxen. (Bilder: Coralie Wenger)

Auf dem Biobauernhof Lenggenhager: Christian Manser (grüner Anzug) analysiert die Gesundheit der Kühe, gibt Tips zur Stall-Optimierung und klettert in Liegeboxen. (Bilder: Coralie Wenger)

Christian Manser berät Bauern bei der Viehhaltung - dann ist er im Element. Ich kann ihn für eine Reportage zu einem Biobauern begleiten. Wir treffen uns bei Landwirtschaftlichen Zentrum und gehen dann alle gemeinsam zum Bauern. Bei der Bauern Familie Lenggenhager. (Bild: Coralie Wenger (Coralie Wenger))

Christian Manser berät Bauern bei der Viehhaltung - dann ist er im Element. Ich kann ihn für eine Reportage zu einem Biobauern begleiten. Wir treffen uns bei Landwirtschaftlichen Zentrum und gehen dann alle gemeinsam zum Bauern. Bei der Bauern Familie Lenggenhager. (Bild: Coralie Wenger (Coralie Wenger))

Christian Manser berät Bauern bei der Viehhaltung - dann ist er im Element. Ich kann ihn für eine Reportage zu einem Biobauern begleiten. Wir treffen uns bei Landwirtschaftlichen Zentrum und gehen dann alle gemeinsam zum Bauern. Bei der Bauern Familie Lenggenhager. (Bild: Coralie Wenger (Coralie Wenger))

Christian Manser berät Bauern bei der Viehhaltung - dann ist er im Element. Ich kann ihn für eine Reportage zu einem Biobauern begleiten. Wir treffen uns bei Landwirtschaftlichen Zentrum und gehen dann alle gemeinsam zum Bauern. Bei der Bauern Familie Lenggenhager. (Bild: Coralie Wenger (Coralie Wenger))