Besuchsverbot und Isolation der Risikogruppe: In Ostschweizer Strafanstalten wächst die Angst vor dem Eindringling Coronavirus

Einschneidende Massnahmen und die Furcht vor dem Virus: In den Ostschweizer Gefängnissen steigt die Nervosität.

Noemi Heule
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Bislang ist das Coronavirus nicht in die Strafanstalt Saxerriet in Sennwald eingedrungen.

Bislang ist das Coronavirus nicht in die Strafanstalt Saxerriet in Sennwald eingedrungen.

Bild: Urs Bucher

Trotz Gittern und Gefängnismauern findet das Coronavirus seinen Weg in die Strafanstalten der Schweiz. Die Zahl der angesteckten Häftlinge liegt landesweit bei 35 Fällen. Während andere Länder wegen der Coronakrise Häftlingsmeutereien oder flächendeckende Amnesien verkünden, bleibt die Lage in der Schweiz ruhig.

Dennoch fordert ein Insasse der Strafanstalt Saxerriet in Sennwald medienwirksam seine Freilassung. Gegenüber «20 Minuten» sagt er: «Wir sind wie Sardinen in einer Konservendose.»

Wie viele Erkrankte gibt es in den Ostschweizer Gefängnissen?

Auch dieser Zeitung liegt das Schreiben eines Häftlings aus Saxerriet vor, das die Inkonsequenz der Behörden in Zusammenhang mit dem Coronavirus in der Strafanstalt anprangert. Die Verantwortlichen lassen die Vorwürfe auf Anfrage unkommentiert. Auch die Zahl der Erkrankten in St.Galler oder Thurgauer Gefängnissen wollen die kantonalen Ämter nicht preisgeben. «Gerade in Gefängnissen können solche Meldungen rasch Beunruhigung oder sogar Angst auslösen unter den Insassen, selbst wenn es keinen Anlass dafür gibt», heisst es aus beiden Kantonen in exakt derselben Wortwahl.

Zumindest in Saxerriet scheint das Virus nicht eingedrungen zu sein, wie Direktor Martin Vincens am Wochenende gegenüber dem «Werdenberger & Obertoggenburger» sagte.

Videotelefonie statt Besuch zu Ostern

Dennoch ist das Virus auch innerhalb der umzäunten Areale, wo der Lockdown ohnehin Normalzustand ist, allgegenwärtig. Wie überall gelten in den Gefängnissen die Abstandsregeln des Bundesamtes für Gesundheit; Gruppenräume wurden geschlossen und Sportangebote gestrichen. Es sei allerdings nicht möglich, die Umsetzung der Hygienemassnahmen permanent zu kontrollieren, schreibt Barbara Looser, Leiterin des Amtes für Justizvollzug, auf Anfrage.

Für die Häftlinge besonders einschneidend: «Um das Virus aus den Vollzugseinrichtungen möglichst fernzuhalten, mussten Besuchs- und Ausgangsregelungen angepasst und verschärft werden», schreibt Looser. Konkret: Es gilt Besuchsverbot. Dieses sei für die Insassen eine zusätzliche Belastung, zumal es auch über die Osterfeiertage gilt.

Die Situation sei allerdings durch zusätzliche Kontaktmöglichkeiten entschärft worden, führt Looser weiter aus. Über Ostern dürfen die Gefangenen ausnahmsweise per Video mit ihren Angehörigen telefonieren. Eine Technologie, die zuvor nicht genutzt wurde.

Die Risikogruppe wird abgeschottet

Gefangene mit Krankheits­symptomen werden in ihren Zellen oder einem Krankenzimmer isoliert. In Saxerriet gehören 25 Insassen zur Risikogruppe. Ein Teil von ihnen wurde von der Arbeitspflicht entbunden, wie Looser sagt, während die Arbeitsbetreibe ansonsten nach Möglichkeit aufrechterhalten würden. Die Risikogruppe habe ein separates Programm, werde separat verpflegt und halte sich in separaten Räumen auf. Sie werden vom Gesundheitsdienst überdies enger betreut.

Um das Risiko einzudämmen, hat der Kanton Bern eine ungewöhnliche Massnahme ergriffen: Wegen der Pandemie hat er 27 Häftlinge nach Hause geschickt. Die Hälfte davon befand sich im offenen Vollzug, die andere Hälfte in Halbgefangenschaft. Sie alle gehören der Risikogruppe an.

Der Kanton Genf geht gar noch einen Schritt weiter und lässt Kleinkriminelle von vornherein auf freiem Fuss. Der Generalstaatsanwalt hat angeordnet, nur noch Schwerkriminelle zu verfolgen.

Wer freiwillig ins Gefängnis will, wird abgewiesen

Derlei Massnahmen sind im Kanton St.Gallen kein Thema. Gefangene könnten, auch in der jetzigen ausserordentlichen Lage, nicht einfach freigelassen werden, sagt Amtsleiterin Barbara Looser und zerstreut damit auch die Hoffnungen des Sträflings aus Saxerriet, der sich an die Medien wandte. Zwar sei eine vorzeitige Entlassung nach der Hälfte der Freiheitsstrafe oder ein Strafunterbruch in Einzelfällen möglich. Dass sie zur Risikogruppe gehören, sei aber kein solcher Ausnahmefall.

Zielführender sei es, planbare Aufgebote von verurteilten Personen aufzuschieben. Zudem wird der Vollzug von Ersatzfreiheitsstrafen in St.Gallen teilweise aufgehoben – also der freiwillige Strafantritt anstelle einer Busse oder Geldstrafe.

«Im Übrigen werden freiheitsentziehende Sanktionen weiterhin vollzogen.»

Ähnlich tönt es aus dem Nachbarkanton Thurgau. In beiden Kantonen werden auch Kleinkriminelle weiterhin in Gewahrsam genommen. Verhaftungen seien ohnehin rückläufig, weil in Zeiten der Coronakrise die Kriminalität zurückgehe, heisst es aus anderen Kantonen. Looser bleibt vorsichtig, schliesslich weise beispielsweise die häusliche Gewalt weiterhin steigende Fallzahlen auf.