Zwei Abende junger Sound

LICHTENSTEIG. Zwischen Elchzelt auf dem Goldenen Boden und Kronensaal mit Kraftwerk-Crew: Hörproben junger Schweizer Bands zwischen Blues, Rap, Reggae, Indie-Rock und Mundartpolka.

Hansruedi Kugler
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Mundart-Reggae: Der Zürcher Reggae-Sänger Phenomden brachte am Samstag den Kronensaal zum Tanzen. (Bilder: Hansruedi Kugler)

Mundart-Reggae: Der Zürcher Reggae-Sänger Phenomden brachte am Samstag den Kronensaal zum Tanzen. (Bilder: Hansruedi Kugler)

Am zweiten Festivalabend, weit nach Mitternacht, tanzt das begeisterte Elchzelt auf den Bänken. Die zweite Zugabe ist längst schon gespielt, und das Publikum verlangt noch mehr und noch mehr – erst nach der sechsten Zugabe legen die sechs Kummerbuben dann erschöpft strahlend ihre Instrumente beiseite und holen die CDs und den Kummerbuben-Absinth zum Verkauf und Signieren auf die Bühne. Die Kummerbuben aus Bern sind einer der Höhepunkte der diesjährigen Jazztage. Mit ihrer punkigen Balkanpolka katapultierten sie zwei CDs lang alte Schweizer Volkslieder wie «Le coq est mort» oder «Anneli» aus der biederen Gemütlichkeit – und bringen so seit Jahren die Konzertsäle zum Brodeln. Auf der neuen CD «Weidwund» sind sie ihrem rohen, melancholischen Sound treu geblieben, Sänger Simon Jäggi johlt, röchelt und schwelgt aber nun in eigenen Geschichten – moderne Lumpenliedli, in denen die Helden am Suff, an den Frauen oder einfach an sich selbst scheitern.

Blues, Reggae, Indie und Rap

Von der jungen Singer-Songwriterin Lina Button über den Spass-Rapper Knackeboul bis zum Zürcher Reggea-Sänger Phenomden, die Toggenburger Rockband Monophon bis zu den Kummerbuben hat Programm-Chef Geni Scherrer ein paar herausragende, originelle Perlen aus der jungen Schweizer Szene nach Lichtensteig geholt. Im Kronensaal, wo das Team des Kraftwerk Krummenau seit letztem Jahr zwei Abende lang einen Einblick in die Elektro-, Indie-Rock- und Hip-Hop-Szene zum Besten gibt, ist das Publikum jeweils gemischt mit Kraftwerk-Fans und interessierten Älteren. Das ist auch das Ziel der Programm-Macher, sagt Roman Theiler, seit zwei Monaten Kraftwerk-Chef. Das Kraftwerk-Team macht Vorschläge, Geni Scherrer bucht dann die Musiker. Die Breite des Programms ist zur Hälfte Wunsch, zur Hälfte Zufall. Auf einige der Stars der Szene wie Bligg oder Stress muss Geni Scherrer von vorne herein verzichten. Sie sind für die Jazztage schlicht zu teuer, sagt Geni Scherrer. Andere sind gerade im Studio, nehmen eine neue CD auf und sind nicht buchbar für ein Festival. Wieder andere feilschen so lange um die Gage, dass sie am Ende bei einem Konkurrenzfestival auftreten, sagt Geni Scherrer. Trotzdem ist die diesjährige Mischung ein Wunschprogramm, betonen Roman Theiler und Geni Scherrer.

Viel Spass, wenig Text

Lina Button hat im Elchzelt auf dem Goldenen Boden am frühen Freitagabend ein konzentriertes, treues Publikum. Mit ihrer sinnlich-verträumten und gelegentlich rauchigen Stimme kriegt sie konstant warmen Applaus und erzählt davon, dass ihr Lenny Kravitz im Traum einen Song geschenkt hat: «Lilly». Gleich danach geht es im Kronensaal heftig zur Sache: Knackeboul, bekannt als begnadeter Beatboxer und Freestyle-Sprachvirtuose tritt im grellen Batik-T-Shirt, blauen Shorts und brauner Dächlikappe auf die Bühne: «Ich habe gehört, hier in Lichtensteig wird öfters das Tanzbein geschwungen», so seine Ansage – und nach dem Motto «Mitsingen und let's dance» geht dann auch der Grossteil seines Auftritts über die Bühne: «Ui, ui» schreit es schon im Rhythmus aus den vorderen Reihen. Gleich danach hüpft Knackeboul zu «I want to go to wake you up» über die Bühne und holt konsequenterweise den Tänzer Jackie Step auf die Bühne. Ausgelassenheit ist am Freitag- abend Knackebouls primäres Ziel, wie zum Beweis für seine kokett-ironische Aussage: «Die Leute im Musikbusiness sind schräge Typen, verdienen fast nichts und haben ständig Nervenprobleme.» Dann übertreibt er es und das Publikum, das schon «Ui, ui» und «Ich han es schöns T-Shirt» mitschreien musste oder durfte und in Hip-Hop-Manier die Hände und Fäuste im Takt zu schwingen hatte, soll auch noch «a, b, c, d, e» gröhlen. Hauptsache alle haben Spass. Und im Reggae-Song geht es dann auch noch ums gemeinsame Bier anstossen und «Schocolo-Cocolo» lautet die nächste gemeinsame Mitsing-Nummer. Das Ganze in einer Lautstärke und Härte, die immer mehr zum spassigen Punkkonzert werden. Nach einer halben Stunde hat sich denn der Kronensaal schon deutlich gelichtet. Rund sechzig eingefleischte Tanz-Fans sind übriggeblieben, der Rest hat den Saal verlassen – vielleicht auch, weil das Mischpult den Sound vor allem als wummernden Bass ins Publikum lenkt. Von den Texten versteht man leider kaum ein Wort. Das ist schade, denn gegen Ende des Konzerts bringt Knackeboul dann doch noch ein paar Songs mit Erzähltexten, etwa die traurige Hommage an John Lennon.

Treue Indie-Rocker

Am Samstagabend folgen im Kronensaal zwei weitere Zugnummern: die einheimische, aber auf internationalen Bühnen gefragte Band Monophon mit ihrem Indierock und der Zürcher Mundart-Reggaesänger Phenomden. Monophon hat ein treues Publikum, auch wenn Indierock nicht mehr so angesagt ist wie vor einigen Jahren noch, meint Kraftwerk-Chef Roman Theiler. Monophon bringen an den Jazztagen ihre Ohrwürmer und Hits und wer schon mal eines ihrer Konzerte gesehen hat, fühlt sich gleich heimisch: Schwarz dominiert. Zwar könnte Monophon eine x-beliebige britische Indierock-Gruppe sein, denn eine unverwechselbare Handschrift ist bei ihnen nicht zu erkennen. Aber dieses Genre bedienen sie absolut perfekt, von der Sound-Mischung bis zur Rock-Attitüde auf der Bühne. Besonders Markenzeichen: Eine Spur sphärische Elektro-Sounds in den Stücken. Dem jungen bis mittelalten Publikum gefällt das Urig-Rockige offensichtlich gut, allerdings ohne in eine begeisterte Festivalstimmung zu geraten.

Anders als bei vielen Konzerten im Elchzelt oder auf dem Postplatz bleibt das Publikum eher reserviert und geniesst das musikalisch Bekannte.

Empathischer Reggae

Beim Mundart-Reggae-Sänger Phenomden hingegen tanzt das Publikum bis in die hintersten Reihen mit. Der Jungstar aus Zürich hat mit seinen mitreissenden, sympathischen Songs unterdessen eine grosse Fangemeinde. Und bei ihm macht auch das Mischpult besser mit, so dass man seine Texte versteht. Das ist gut so, denn Phenomden breitet seine Weltanschauung aus, beklagt sich über die Arroganz und Profitgier des Westens und stellt dem seine empathische Solidarität entgegen, entführt das Publikum in die Karibik und lobt ohne Zynismus sein heimisches Quartierleben. Trotz Gesellschaftskritik ist seine Musik eine frohe Botschaft. Und wer Samstagnacht zum Abschluss die Kummerbuben gehört hat, geht mit einem Kopf und einem Ohr voll junger, sehr engagierter und temporeicher Schweizer Musik nach Hause. Nächstes Jahr bitte wieder.