Vereinsschütze mischt die Spitze auf

SCHIESSSPORT. Joel Liechti hat sich überraschend für die Junioren-Europameisterschaft im norwegischen Meraker qualifiziert. Der 19jährige Luftgewehrschütze gehört keinem nationalen Kader an.

Urs Huwyler
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Der für Ebnat-Kappel schiessende Rickener Joel Liechti hat sich für die Luftgewehr-EM qualifiziert. (Bild: Urs Huwyler)

Der für Ebnat-Kappel schiessende Rickener Joel Liechti hat sich für die Luftgewehr-EM qualifiziert. (Bild: Urs Huwyler)

Vor zwei Jahren schien die sportliche Karriere von Gewehrschütze Joel Liechti (Ricken) zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Zweimal versuchte er sich für das Zielkader des Schiesssportverbandes (SSV) zu qualifizieren, zweimal wurde er nach eingehenden Tests abgelehnt. Die Gruppe jugendlicher Talente sollte für die WM 2010 in München aufgebaut werden.

«Das wars», glaubte 2007 auch der Kaufmann in Ausbildung, obwohl er wie Petra Hollenstein (Ebnat-Kappel) dem inzwischen zweimal umstrukturierten Nachwuchskader Ost angehörte hatte. Doch die Motivation entsprach keiner 100er-Passe mehr, sondern sank auf 90 ab.

Davon ist nichts mehr zu spüren. Ein Klubwechsel brachte die Wende.

Joel Liechti, der früher bei den 12-Minuten-Testläufen immer nach dem «Alles oder Nichts»-Prinzip vorne weg sprintete, zog es nach Ebnat-Kappel und zu Diplomtrainer Erhard Hüppi. «Es passte von Anfang an alles zusammen. Ohne mehr zu trainieren stiegen die Leistungen wieder. Daneben werde ich von meinem Arbeitgeber unterstützt. Das Umfeld stimmt derzeit und ich habe die Freude am Schiesssport wieder gefunden.»

Start nach Mass

In zwei Monaten beginnt in Merkaer (No) die Luftgewehr-EM. Ein Schütze aus dem einstigen Zielkader wird dabei sein. Und Joel Liechti. Der österreichischen Skilegende Hermann Maier erging es einst ähnlich. Er wurde als Jugendlicher ausgemustert und meldete sich über eine Hintertüre zurück. «Es ist schon eine gewisse Genugtuung, dass ich es geschafft habe», freut sich der 10m-Spezialist.

Maier brachte sich als Turbo-Vorfahrer bei einem Riesenslalom ins Gespräch, Joel Liechti beteiligte sich locker vom Hocker ohne grosse Hoffnungen auf einen Exploit als Vereins-Schütze an den nationalen Shooting Masters (Vergleichs-Schiessen). Was dann passierte, erstaunte selbst den Herausforderer. «Eigentlich ging ich nicht davon aus, mithalten zu können. Ich wollte es einfach nochmals versuchen», erinnert sich der ehrgeizige Kämpfer.

Durchschnitt zu sein behagt ihm nicht. Er schoss wie Ex-Junioren-Europameister Jan Lochbihler (Holderbank) 585. Der Rest der Schweiz schaffte die 580er-Grenze nicht. Fünf Tage vor Heilig Abend und zehn vor seinem 18. Geburtstag gewann Joel Liechti die Qualifikation für den GP Pilsen. Höher eingestufte Kandidaten (wie Lochbihler) blieben auf der Strecke. Bei der Elite schied Marcel Bürge (Lütisburg) aus.

Neue Philosophie

Im tschechischen Bier-Mekka ging die Erfolgsgeschichte nüchtern betrachtet weiter. Ein Schweizer schaffte im ersten Wettkampf gegen starke ausländische Konkurrenz den Final-Einzug: Joel Liechti. «Ich war ziemlich nervös. Dass ich vom dritten auf den achten Rang zurück fiel, ärgerte mich. Es zeigte sich, wie nahe die Spitze beieinander liegt. Zwei Punkte Unterschied machen einige Plätze aus», analysierte der Aufsteiger. Für ihn öffnete sich durch konstant guten Leistungen die EM-Türe.

Neuling Liechti fliegt mit dem Nationalteam nach Norwegen, wo er auf den – für Österreich schiessenden – Klubkollegen Thomas Mathis trifft. In der Vergangenheit wurden für die internationalen Titelkämpfe Schützen selektioniert, die einem SSV-Kader angehörten. Der neue Chef Spitzensport Urs Weibel vertritt jedoch die Ansicht, die Besten müssten – unabhängig ihres Status – selektioniert werden. «Von diesem Entscheid, der mich für die Zukunft zusätzlich motiviert, profitiere ich nun.

» Ende Januar folgt für den Toggenburger als EM-Vorbereitung auf der Münchner Olympia-Anlage eine Standortbestimmung gegen einen Teil der Weltelite. Dort dürften die Schweizer allerdings eher dabei als mittendrin sein.