Unterschätzte Möbelmalerei

Halbzeit im Forschungsprojekt «Appenzeller Möbelmalerei»: Der Leiter Marcel Zünd spricht erstmals über die detektivische Arbeit an bemalten Schränken, über neue Erkenntnisse und über Überraschungen.

Guido Berlinger-Bolt
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APPENZELLERLAND. Karl Zuberbühlers Werkstatt an der Teufener Strasse in Speicher ist klein. Neonlicht, eine alte Werkbank vor dem Fensterband zur Strasse hinaus, Holzwerkzeuge, alte Möbel und Möbelteile, der Geruch von altem Holz. In der Mitte der Werkstatt steht ein alter Schrank. Die Türe geht und Marcel Zünd kommt aus dem Regen herein; die Begrüssung ist freundschaftlich zwischen den beiden doch sehr unterschiedlichen Männern. Der eine, Zuberbühler, mit ergrautem Vollbart und ruhiger, leiser Stimme, ist gelernter Schreiner; seit Jahren restauriert er alte Schränke, Truhen, Stühle – und sammelte und handelte immer auch damit. Der andere, Zünd, mit dem Gestus des Intellektuellen, mit wachem Blick; ein Kulturhistoriker mit breitem Wissen über Appenzeller Wesensart und Geschichte.

Von der Truhe zum Kasten

Marcel Zünd ist gekommen, um den Schrank zu fotografieren, den Schrank, über den sich anlässlich eines Workshops vor einer Woche Möbel- und Gemälderestauratoren unterhalten haben, ein Fachgespräch über Ursprung, Bearbeitung, Bemalung und Restauration. Dies im Rahmen des Forschungsprojekts «Appenzeller Möbelmalerei 1700–1860», das zur Halbzeit an einer spannenden Schwelle steht (siehe Stichwort). «Die Möbelmalerei wird als historische Forschungsquelle unterschätzt», ist Marcel Zünd überzeugt. Sie werde zwar von breiten Teilen der Gesellschaft wertgeschätzt, wissenschaftlich sei sie indessen bestenfalls punktuell erforscht. Das ändert sich mit dem aktuellen Forschungsauftrag. Und der wiederum soll neben neuen Erkenntnissen vor allem für das Kulturgut Möbelmalerei sensibilisieren.

Der Schrank – in der Ostschweiz fällt uns die Vokabel «Kasten» leichter –, der Kasten in der Werkstatt von Karl Zuberbühler liefert ein ausgezeichnetes Beispiel für historische Aspekte der Möbelmalerei – und für aktuelle Probleme in deren Umfeld.

Vom Prestigeobjekt zum Tand

Die Möbelmalerei kam im Appenzellerland um 1700 auf, während der Protoindustrialisierung, in der Zeit der Spinner und Weber, der Heimarbeiterinnen und Fergger. Aus der Kleidertruhe hatte sich der Kleiderkasten entwickelt. Aus der Stempel-Technik und aus der Arbeit nach abstrakten Schablonenmustern entwickelte sich ab 1700 eine figürliche Möbelmalerei nach dem Vorbild von Stichen. Karl Zuberbühlers Kasten stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Er trug bis vor kurzem eine vollflächige Übermalung. Diese wurde abgelaugt, und hervor trat nicht eine, sondern traten zwei ineinander übergehende, sich überlagernde Bemalungen, eine frühere, helle und eine spätere, dunklere. in den beiden oberen Füllungen sind biblische Szenen dargestellt, die damals populären Darstellungen von König David mit Bathseba und von Daniel in der Löwengrube. In den beiden Füllungen darunter sind nicht-biblische Motive aufgemalt. Sie werden begleitet von mehreren, zum Teil nicht mehr erhaltenen Medaillons. Der Kasten weist darüber hinaus weitere Fehlstellen auf, nahezu weisse Flecken in der Bemalung; und er weist Spuren von Gewalt auf: Er muss einst aufgebrochen worden sein; die Stellen der Schlösser sind beschädigt. Einst ein repräsentatives Prestigeobjekt, könnte er später als schlichtes Regal in einer Remise genutzt worden sein, gefüllt mit Werkzeugen etwa oder Schmierfett oder Öl. Mancher Kasten erfuhr ein solches Schicksal. In den 1970er- und 80er-Jahren erlebten die bemalten Möbel einen Boom, ein schwungvoller und nicht immer ganz ehrlich betriebener Handel entstand und ebbte in den 1990er-Jahren wieder ab. Und nun – wird über sie geforscht.

Restaurierung ja – aber welche?

Wenn es in der Werkstatt Karl Zuberbühlers nun um die Frage der Restaurierung geht, wird rasch klar, dass nichts klar sein kann. Denn welchen Zustand des Kastens will man wieder herstellen, wenn er mehrere kannte? In diesem speziellen Fall beschlossen die Stiftung für appenzellische Volkskunde und das Museum Appenzell den Kauf des Möbels – um an ihm genau solche Fragestellungen darstellen und vermitteln zu können.

An diesem Möbel kann man die Geschichte der Möbelmalerei im Appenzellerland erzählen: Das Sein des Kastens entspricht oft vielen Seinsformen. Damit aufs Engste verbunden ist die Geschichte des Landstrichs zwischen Bodensee, St. Gallen und Säntis, die in diesem Fall eine Geschichte von Ferggern und Heimarbeitern ist und vom Rohstoff Baumwolle, von Arbeit und vom weltweiten Vertrieb. Die Ikonographie der Möbelmalerei, so ist Marcel Zünd überzeugt, legt damit ein unterschätztes Zeugnis ab über die frühe bürgerliche Gesellschaft und über die Kultur der ländlichen Oberschicht im späteren 18. Jahrhunderts bis zum Biedermeier und Klassizismus. Dieses lesbar zu machen, zu erschliessen, eben daran hat sich Marcel Zünd mit dem Forschungsprojekt «Appenzeller Möbelmalerei 1700–1860» gemacht.

Detektivischer Blick

Ein scharfer, detektivischer Blick unter aufgetragene Farbschichten, Türknäufe und Zierelemente ist für diese Aufgabe unerlässlich. Und wie alle Detektive, so wird auch Marcel Zünd ab und an überrascht. «Es gibt», sagt er, «viel mehr gefälschte Kästen, als ich ursprünglich gedacht hätte.» Daneben stellen überrestaurierte Kästen ein Problem dar: In der Boomzeit der bemalten Möbel in den 1970er- und 80er-Jahren waren die Möbel wieder als das begehrt, was sie einst waren: Prestigeobjekte. Ein Kasten hat repräsentativ zu sein und also schön auszusehen. Dies nicht selten um den Preis einer Restaurierung, die der historischen Substanz des Kastens nicht gerecht wird. Gelegentlich bedienten sich Restauratoren beim Füllen von Fehlstellen frei in der Ikonographie der Möbelmalerei, statt zu fragen, was vor dem Zerfall an jener Stelle war.

Mittlerweile gelangte Zünd zur Erkenntnis: Restaurieren ist ein Prozess, Schritt für Schritt freilegen, herleiten, beurteilen und investieren – in eine Zukunft des Möbels.