Im Dienst der ärmsten Mitmenschen

LIBINGEN. Schwester Lucy Näf arbeitet seit vielen Jahren in Bolivien. Sie ist im Regenwald auf einer Krankenstation tätig. Die gebürtige Libingerin ist derzeit auf Heimaturlaub und berichtet in Vorträgen über die Situation im südamerikanischen Land und wie gross dort die Not noch immer ist.

Beatrice Bollhalder
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Schwester Lucy Näf weilt alle vier Jahre jeweils für drei Monate in der Heimat. Sie freut sich darauf, in dieser Zeit viele Bekannte und Freunde zu treffen. (Bild: Beatrice Bollhalder)

Schwester Lucy Näf weilt alle vier Jahre jeweils für drei Monate in der Heimat. Sie freut sich darauf, in dieser Zeit viele Bekannte und Freunde zu treffen. (Bild: Beatrice Bollhalder)

Können wir uns in Europa noch vorstellen, wie es ist, ohne Strom zu leben? Wohl kaum. Eine, die noch weiss, wie das war, ist Schwester Lucy. Für die Bauerntochter vom Libinger Loo, die zusammen mit fünf Geschwistern aufgewachsen ist, war diese Situation bis vor sechs Jahren alltäglich. Denn sie lebt und arbeitet seit 38 Jahren auf einer Krankenstation im Regenwald Boliviens, ungefähr 50 Kilometer entfernt von Santa Cruz.

Missions-Einsatz als Wunsch

«Ich habe schon sehr früh den Ruf verspürt, mein Leben den Ärmsten zu widmen und als Ordensschwester in die Mission zu gehen», erzählt Schwester Lucy Näf. Nach der Sekundarschule in Bütschwil, bei der sie in Kontakt mit den Ingenbohler-Schwestern kam, arbeitete sie zwei Jahre, bevor sie schliesslich mit 18 Jahren in den Orden der Ingenbohler Schwestern eintrat. Am Klaraspital in Basel absolvierte sie schliesslich die dreijährige Krankenpflegeschule. Da die «Ingenbohler» aber über fast keine Missionen verfügten – genau das war aber ihr Wunsch – wechselte sie schliesslich zu den Missions-Dominikanerinnen in Riehen bei Basel.

Von Südafrika nach Südamerika

Nach sechs Monaten wurde Schwester Lucy nach King William's Town in Südafrika an ihre erste Missionsstelle entsandt. «In Südafrika habe ich mein Noviziat gemacht und eine Weiterbildung als Hebamme genossen», erzählt sie weiter. Anschliessend hat sie sich auch in der Säuglingspflege weitergebildet. Im Missionsspital in Südafrika habe sie dann wertvolle Erfahrungen sammeln können. Dort hatte es auch Ärzte, die man rufen konnte, wenn einmal Probleme auftraten.

Aufbau in Bolivien

1976 wurde dann erstmals eine Missionsstation in Bolivien aufgebaut. Die ersten beiden Missionarinnen, zwei Lehrerinnen, hätten ziemlich schnell den Wunsch ausgesprochen, dass auch eine Krankenschwester nach Bolivien entsandt würde, erzählt Schwester Lucy. «Da die Ärmsten dort auf dem Land, im tropischen Regenwald, leben, sind wir natürlich auch dorthin gegangen», erklärt sie weiter. Begonnen wurde mit der Pastoralarbeit und einer einfachen Krankenstation – ohne Arzt – nur mit einer Krankenschwester. In den letzten Jahren ist das Ganze dann gewachsen und auch die Bildung wurde zunehmend ausgeweitet. «Zwischenzeitlich haben wir auch einheimische Mitarbeiterinnen, ganz im Zeichen der Hilfe zur Selbsthilfe».

«Ich konnte für diesen Heimat-Urlaub die Krankenstation beruhigt verlassen, denn zwei einheimische Ärzte und vier Krankenschwestern halten derweil die Stellung. Und die machen ihre Arbeit gut», erzählt Schwester Lucy ganz begeistert. Der Nachwuchs in der Schweiz fehlt und deshalb nimmt die Ausbildung vor Ort einen immer grösseren Stellenwert ein.

In den ersten Jahren waren nebst dem tropischen Klima, an das man sich erst gewöhnen muss, die Tatsache, dass es weder Strom noch Wasser gab, die grösste Herausforderung. Die Strassen und die reissenden Flüsse – vor allem während der Regenzeit sind auch heute noch ein grosses Problem. Zudem gebe es zwar einen öffentlichen Verkehr, wie zu erfahren ist, aber keinen Zuverlässigen.

Heute sei es, dank Spenden aus der Schweiz, wenigstens möglich, vielen Leuten zu helfen, die früher einfach gestorben wären. Der armen Bevölkerung, dort sind die meisten als Kleinbauern tätig, kann oft durch die Abgabe von Medikamenten oder durch die Kostenübernahme bei Operationen geholfen werden. Bagatellfälle werden zudem vor Ort behandelt. Für Operationen müssen die Patienten aber in ein Spital, das beispielsweise über einen Narkosearzt verfügt, weitergewiesen werden. Dass dieses aber oft nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist, zeigt Schwester Lucy in ihren Vorträgen, die sie jeweils in den drei Monaten hält, in denen sie alle vier Jahre in der Schweiz weilt.

Eindrückliche Bilder aus Bolivien

Für die Vorträge verfügt Schwester Lucy über viele Bilder, mit denen sie das Leben in Bolivien unterstreicht. Erst die eindrücklichen Erzählungen aus ihrem Alltag im Regenwald vermögen aufzuzeigen, wie viel Arbeit in der Missionsstation anfällt und mit welchen Problemen dort auch heute noch gekämpft wird.