Gute Ideen – aber zu verzettelt

LICHTENSTEIG. Die Lichtensteiger Kulturvernetzung soll weitergeführt werden. Stelleninhaberin Lotti Schwendener geht zwar Ende Januar. Der Verein möchte aber weiter zwei Jahre Aufbauarbeit weiterführen – mit einem Jahresbudget von 50 000 Franken und mehr Marketing.

Hansruedi Kugler
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Im Herbst 2013 sprach Lotti Schwendener mit Optimismus und Begeisterung von Lichtensteigs Kultur. Ende Januar 2015 wird sie die Stelle aufgeben. (Bild: Archiv/Hansruedi Kugler)

Im Herbst 2013 sprach Lotti Schwendener mit Optimismus und Begeisterung von Lichtensteigs Kultur. Ende Januar 2015 wird sie die Stelle aufgeben. (Bild: Archiv/Hansruedi Kugler)

«Keine zusätzlichen Besucher im Museum», «spürbarer Einfluss, ein paar Apéros mehr», «sie hat viele tolle Ideen», «im Vorgehen verzettelt, zum Teil unrealistisch» – in Lichtensteig gibt es viele kritische Stimmen zum Wirken der Kulturvernetzerin, aber auch einige Anerkennung. Seit Juni 2013 ist Lotti Schwendener erste Kulturvernetzerin in Lichtensteig. Ende Januar 2015 wird sie die Stelle verlassen. Begeistert und optimistisch sei sie die Stelle abgetreten, sagte sie vor eineinhalb Jahren bei einer ersten Zwischenbilanz. Schwendener hatte zuvor jahrelang für Danzas Schweiz-Reisen für internationale Touristengruppen organisiert und war vor zwei Jahren nach Mogelsberg gezogen. Ihr Netzwerk im nationalen Tourismus-Business und im Car-Reise-Segment wollte sie gezielt für die Kulturförderung in Lichtensteig nutzen.

Ohne Marketingbudget

Nach eineinhalb Jahren hat der Vorstand des Vereins Kulturvernetzung eine Bilanz gezogen. Vereinspräsident und Stadtpräsident Mathias Müller sagt: «Die Rückmeldungen sind grundsätzlich durchwegs positiv, sowohl von den Kulturanbietern wie auch vom Gewerbe.» Trotzdem wird Lotti Schwendener ihre Stelle auf Ende Januar 2015 verlassen. Der Grund: «Es hat sich in den eineinhalb Jahren der Startphase herauskristallisiert, dass es bei dieser Kulturvernetzungs-Stelle noch stärkere Marketingkenntnisse benötigt», sagt Mathias Müller.

Allerdings verfügt die Stelle des Kulturvernetzers über kein eigenes Marketingbudget. «Das ist eindeutig eine Schwäche», räumt Müller ein. Aber das Budget für die Kulturvernetzung bleibt auch weiterhin auf 50 000 Franken pro Jahr beschränkt. Auf die Gemeinde wird ohnehin ein höherer Betrag als 20 000 Franken zukommen. Denn die Unterstützung durch das Amt für Kultur ist auf zwei Jahre befristet und läuft noch bis Mitte 2015.

«Wertschöpfung ist noch zu tief»

Die Zahlen sind bisher nicht berauschend: «Die Wertschöpfung ist noch zu tief», räumt Müller ein. Seit Juni 2013 gingen rund 3000 Franken direkte Einkünfte aus Veranstaltungen und Anlässen in die Vereinskasse, vor allem von Besuchergruppen und durch Provisionen von nutzniessenden Gewerblern. Die gesamte Wertschöpfung, die durch die Aktivitäten der Kulturvernetzerin erzielt worden sind, sei einiges höher, sagt Müller. Wie bei allen Marketingmassnahmen sei diese aber schwierig zu erheben. Zumal oft nicht genau nachvollziehbar sei, über welche Informationskanäle die Besucher auf ein Angebot aufmerksam wurden. Darum lägen auch keine Zahlen vor zur Frage, wie viele zusätzliche Besucher die Kulturvernetzerin den Museen gebracht hat, sagt Müller.

Kaum mehr Besucher

Die Umfrage bei den Kulturanbietern zeigt ein ernüchterndes Bild. Fredy Künzle von «Fredys mechanisches Musikmuseum» sagt, er habe durch die Kulturvernetzerin keine zusätzlichen Besucher in seinem Museum gehabt. Er relativiert aber: «Werbung braucht halt seine Zeit, bis sie Wirkung zeigt.» Er habe früher auch regelmässig alle Car-Unternehmen in der Deutschschweiz und in Süddeutschland angeschrieben. «Da bekommt man meist keine Reaktion.» Urs Castelberg vom Druckmuseum «Gall'sche Offizin» hingegen sieht durchaus einen positiven Effekt. 20 Gruppen hätten dieses Jahr bisher sein Museum besucht, vier davon habe Lotti Schwendener organisiert – für Apéros. Die «Gall'sche Offizin» eignet sich dafür gut und Urs Castelberg kauft Essen und Getränke beim Lichtensteiger Gewerbe ein.

Ebenfalls keine zusätzlichen Besucher hat die Kulturvernetzerin in die Ausstellungen der Erlebniswelt gebracht. Museumsleiter Andreas Hinterberger betont aber, es sei eine Knochenarbeit und oft auch mit Glück verbunden, damit Car-Unternehmen oder andere Reisegruppen haltmachen. «Dieser Markt wird überschwemmt mit Angeboten», sagt er. Hinterberger lobt Lotti Schwendener: «Sie hat viele tolle Ideen, sie hätte sich aber auf ein paar wenige konzentrieren sollen, um diese dann gezielt voranzutreiben. So wirkten ihre Aktivitäten verzettelt.»

Ideengeberin für langen Tisch

Eindeutig verbessert habe sich die Verbreitung der Lichtensteiger Kulturangebote auf diversen Tourismus-Homepages wie etwa Toggenburg Tourismus oder Ostschweiz Tourismus, sagt Stadtpräsident Mathias Müller. Und die Reiseveranstalter werden unterdessen mit einem Newsletter regelmässig informiert: «Diese Aufbauarbeit hat Lotti Schwendener sehr gut gemacht.» Sie hat verschiedene Themenführungen im Städtli neu kreiert, von denen in der Startphase vor allem die Krimiführungen auf Anklang gestossen sind. Zudem war sie an vielen Städtli-Projekten beteiligt, bei einigen als Ideengeberin und Mitorganisatorin aktiv. Von Lotti Schwendener stammt zum Beispiel die Idee des langen Tisches, der mit riesigem Erfolg die Hauptgasse belebt hat, oder die Gartenbeiz zwischen Rathaus und UBS, die ebenfalls sehr geschätzt wurde. Ein Flop war hingegen die Idee, im Weihnachtszelt Geschäftsabende anzubieten.

Und was sagt das Gewerbe? René Perret, Präsident des Lichtensteiger Gewerbevereins, will die Aktionen der Kulturvernetzerin nicht kommentieren, sagt aber: «Grundsätzlich sind wir froh, wenn man eine solche Stelle weiterführt, die Lichtensteig marketingmässig besser positioniert. Ziel muss sein: Lichtensteig als Appenzell des Toggenburgs.»