Geburtshaus – Streit um Standort

Die ärztlich geführte Geburtenabteilung am Spital Appenzell wird voraussichtlich per Ende Juni geschlossen. Stattdessen soll es fortan ein Geburtshaus geben – für problemlose Geburten. Nun streiten sich die Politiker über dessen Standort.

Roger Fuchs
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APPENZELL. Zwar scheint man sich in Appenzell Innerrhoden einig, dass Frauen auch in diesem Kanton künftig Kinder gebären können sollen, doch wo und wie ist derzeit ziemlich offen. Ende dieses Monats soll nach heutigem Kenntnisstand die ärztlich geführte Geburtenabteilung am Spital Appenzell geschlossen werden. Die Standeskommission beantragt dem Grossen Rat die Streichung des entsprechenden Leistungsauftrags. Stattdessen soll im Spitalgebäude fortan ein Geburtshaus geführt werden. Genau dies passt jedoch der Kommission für Soziales, Gesundheit, Erziehung und Bildung (SoKo) nicht. Sie bevorzugt ein Geburtshaus abseits des Spitals. Bei einer Realisierung am Spital müssten einerseits bauliche Anpassungen vorgenommen werden, welche die Station B4 auseinanderreissen würden, andererseits seien die Spitalleitung und das Personal schon heute mit diversen Änderungen konfrontiert, begründet die Kommission.

Mehr Haftungsfälle befürchtet

Ebenfalls gegen ein Geburtshaus am Standort des heutigen Spitals spricht aus Sicht der SoKo die Tatsache, dass dies falsche Erwartungen wecken könnte bezüglich der ärztlichen Beistandspflicht in Notfällen. Es wird eine Zunahme an Haftungsfällen befürchtet. Wichtig sei deshalb, hält die Standeskommission dagegen, dass allen Beteiligten die Leistungsgrenzen des Geburtshauses bewusst seien. «Sowohl die Hebammen als auch die Gebärenden müssen sich darüber im klaren sein, dass nur unproblematische Geburten betreut werden und im Falle von Komplikationen unverzüglich eine Überweisung vorgenommen wird», schreibt die Standeskommission in den Unterlagen zur Grossratssession.

Die Führung eines Geburtshauses durch das Spital hat gemäss Standeskommission diverse Vorteile. So liesse es sich beispielsweise schneller realisieren als an einem anderen Standort. Auch könnten Synergien genutzt werden und die Mietkostensituation wäre mit der Plazierung im Spital für den Kanton neutral.

Möglicher Kreditantrag

Sollte der Grosse Rat entgegen dem Willen der Exekutive eine externe Lösung favorisieren, hat diese bereits einen Kreditantrag zur Schaffung eines Geburtshauses angekündigt. Dieser setzt sich aus einem Investitionskredit von 200 000 Franken für allfällige bauliche Massnahmen und einer Defizitgarantie von maximal 600 000 Franken für die ersten vier Betriebsjahre zusammen.

Deutlich hält die Standeskommission in den Unterlagen zur Session fest, dass wohl kein Weg an der Schliessung der ärztlich gestützten Geburtshilfe am Spital Appenzell vorbeiführt. Nebst dem Mangel an Gynäkologen könne mit den vorhandenen Fallzahlen auch kein wirtschaftlicher Betrieb erreicht werden. Alle geprüften Alternativen zur Lösung des Problems hätten sich als faktisch nicht realisierbar erwiesen, schreibt die Standeskommission. Zwei Hebammen sind nach heutigem Stand der Dinge bereit, ihre Arbeit in einem allfälligen Geburtshaus fortzusetzen.

Würde die ärztlich gestützte Geburtshilfe definitiv geschlossen, könnte als Folge davon auch der Notfallbetrieb reduziert und auf 7 bis 22 Uhr eingeschränkt werden. Nahezu 90 Prozent aller Notfälle liessen sich so gemäss Standeskommission weiterhin abdecken.