Eine Fahrt auf dem Orinoco

Zu fünft – Moktir und Mektir, Elena, Iboya und ich, Oleivo – fuhren wir auf einem alten rachitischen Zweimaster den Orinoco hinunter, Vögel zogen ihre Notenlinien in den Himmel, Fische tanzten unter uns, die Besitzer dieses veralgten und knarrenden Segelschiffs hiessen Moktir

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Zu fünft – Moktir und Mektir, Elena, Iboya und ich, Oleivo – fuhren wir auf einem alten rachitischen Zweimaster den Orinoco hinunter, Vögel zogen ihre Notenlinien in den Himmel, Fische tanzten unter uns, die Besitzer dieses veralgten und knarrenden Segelschiffs hiessen Moktir und Mektir, braungebrannte Zwillinge, sportlich beide, geschäftstüchtig, mehr hartnäckig als einfühlsam, stolz, wortkarg, und da waren noch die vornehme, stets hüstelnde, reservierte Elena, die sich ungemein wichtig dünkte, obwohl sie keine prickelnden Reize ihr Eigen nennen durfte, da die Fülle ihres Leibs alles breitlastig überschwemmte, was früher vielleicht einmal hat anziehend gewesen sein können, und die kranichschlanke, flamingograzile, im leisesten Wind sich sanft wiegende Iboya mit der Fächertaubenfrisur, den ibisschnabelgeschwungenen Lippen und den arapongakullerrunden Augen, Iboya liebte es zu singen, ich erfuhr, dass sie Pianistin ist, dass sie in allen grossen hauptstädtischen Konzerthallen der Welt aufgetreten ist, überall stürmische Ovationen entfesselte, denn niemand ausser sie vermochte es, die Kantilenen auf dem Flügel sternglitzernder zu spielen, bei Iboyas Adagio-Interpretationen hielt die Welt den Atem an, beim Fortissimo stauten sich die Ströme, ihr Spiel war wetterwendisch, wechselte vom ausgelassensten Sturm zu alkyonischer Sphärenheiterkeit, ruhend in sich, bewegt in der Ruhe, fern aller Zeit, sich sammelnd zur nächsten Ekstase, Iboya sass dicht neben mir, Buckelrinderherden zogen am Ufer vorüber, der Orinoco raunte als liebreizender alchemistischer Cantus firmus, ein Krokodil schwamm nach Hause, die Abenddämmerung senkte sich in samtenen Dolden hernieder, der Schrei des Schakals war hörbar, Moktir schüttelte Marracas, venezolanische Rasseln, Mektir zupfte die Cuatro, die viersaitige Gitarre, das strömende Wasser klatschte von einem springenden Fisch auf, erste Sterne züngelten, Iboya sang wie ein Scharlachibis von vergangener Liebe, Elena zupfte nervös an ihrem Kleid herum, schminkte sich die verhärteten Lippen, ich, Oleivo, öffnete mein Hemd, denn die Luft war wunderlich herzerwärmend, ich zündete meine Pfeife an, dachte an nichts, schaukelte einfach leicht mit dem Zweimaster und freute mich übers Nachtwindchen, das die Segel riffelte, Iboya sass neben mir, ich spürte ihre Wärme, spürte ihren Atem, Elena zog sich in ihre Kajüte zurück, Moktir und Mektir tranken Whisky, Iboyas Stimme vereinigte sich mit den Geräuschen der Nacht auf dem Strom, ich legte meinen Arm um Iboyas Schultern, ich lachte unhörbar in mich hinein und nahm Iboyas trillerleichte Hand in die meine. Paul Gisi