Die Wonnen des Mai – ein Trugschluss

«Liebst Du mich?», fragt sie. «Meine Güte», denkt er, «nicht schon wieder», und sagt «Ja». «Ja? Oder Ja, Ja?», will sie wissen. «Ja», sagt er, «das habe ich doch deutlich so gesagt.» «Das schon, aber mit diesem komischen Unterton.» «Komischer Unterton? Das stimmt doch gar nicht.

Drucken

«Liebst Du mich?», fragt sie. «Meine Güte», denkt er, «nicht schon wieder», und sagt «Ja». «Ja? Oder Ja, Ja?», will sie wissen. «Ja», sagt er, «das habe ich doch deutlich so gesagt.» «Das schon, aber mit diesem komischen Unterton.» «Komischer Unterton? Das stimmt doch gar nicht.» «Doch, diesen Ton hast Du immer drauf, wenn Du nicht zuhörst oder Dich nervst. Nerve ich Dich?» «Meine Güte», sagt er jetzt laut, «langsam gehst Du mir wirklich auf den Geist.

» «So, so, nur wegen dieser einfachen Frage. Das lässt ganz schön tief blicken, mein Lieber.» …und wieder wird demnächst eine Beziehungskiste auseinanderbrechen, werden Tisch und Bett zersägt und anderswo neu positioniert.

Nach jahrelangen Beobachtungen in meinem Umfeld ist mir aufgefallen, dass es nicht die Weihnachts- und Fasnachts- tage sind, die lädierte Beziehungen endgültig zum Scheitern bringen, sondern vielmehr die Frühlingszeit, im speziellen der Monat Mai, der für problematische Verhältnisse offenbar Gift ist.

Man fragt sich unwillkürlich, was dies denn mit den viel gepriesenen Wonnen zu tun hat? Gar nichts! Der Ausdruck «Wonnemonat» – hundertfach besungen – ist nur eine Umdeutung des ursprünglichen Sinns. Karl der Grosse hat im 8. Jahrhundert den Begriff «Wonnemond» (Wunnimanot) eingeführt, was «Weidemonat» bedeutet und hiess, dass man jetzt das Vieh wieder auf die Weide treiben konnte. Mit Wonnen hatte das gar nichts zu tun.

Der Mai, ein ganz normaler Monat demnach? Schon eher ein trister! Man denke an die Eisheiligen, Unfälle wegen zu früh montierter Sommerpneus, an erfrorene Setzlinge, abgesagte Gartenpartys und die neuen Schuhe, die im Schrank bleiben müssen. Das alles macht gereizt und gibt angeschlagenen Paaren den Rest. Ein Glück, ist endlich Juni.

Monika Egli