Auf der Weide carven

BÖMMELI. Als Slalom-Weltmeister im Grasski gehört der Appenzeller Domenic Senn zur internationalen Spitze in seiner Disziplin. Trotzdem bleibt der Sport für ihn ein kostspieliges Hobby – Geld verdienen kann man damit nur im Osten.

Johannes Wey
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Domenic Senn beim Weltcup-Rennen in San Sicario: «Driften» ist mit den Rollen des Grasskis nicht möglich, in allen Kurven muss «gecarvt» werden. (Bild: pd)

Domenic Senn beim Weltcup-Rennen in San Sicario: «Driften» ist mit den Rollen des Grasskis nicht möglich, in allen Kurven muss «gecarvt» werden. (Bild: pd)

Für den Spitzenathleten Domenic Senn beginnt das Skitraining just, wenn sich im Frühjahr der Schnee von den Trainingsstrecken zurückzieht. Und wenn die Temperaturen im Sommer am höchsten sind, beginnt auch im Weltcup die heisse Phase. Anders als Silvan Zurbriggen oder Dominique Gysin rast Senn nicht über Pisten aus Schnee und Eis, sondern als Fahrer des Schweizer Grasski-Nationalkaders über steile Wiesen.

Vom Berg auf die Wiese

Dabei zog es den 29jährigen Appenzeller ursprünglich genauso zum Ski alpin wie die oben genannten Fahrer, mit denen er das Sportgymnasium in Engelberg besucht hat. Doch für den Sprung vom Kader des Ostschweizer Skiverbands (OSSV) in die B-Nationalmannschaft war er nicht gut genug. Als Anfang der Nullerjahre sein bester Freund bei einem Rennen tödlich verunfallte, kehrte er dem Ski alpin mit 21 den Rücken. «Das war der Knackpunkt. Ich war nicht mehr in der Lage, diesen Unfall beim Fahren auszublenden», sagt Domenic Senn heute.

Bereits einige Jahre zuvor hatte er das Grasskifahren als ideales Sommertraining entdeckt. «Ich war mit dem Rad unterwegs in Richtung Schwägalp, als ich beim Skilift Bömmeli die Grasskifahrer trainieren sah.» Unter ihnen war auch ein OSSV-Kollege von Senn, der ihn davon überzeugte, den Sport am nächsten Tag selbst auszuprobieren.

Unfreiwillig lizenziert

Es verging ein weiteres Jahr, ehe der damals 18-Jährige regelmässig beim Grasskiclub Bömmeli-Säntis trainierte. «Bei der Umstellung von Schnee auf Rasen zahlt man Lehrgeld», sagt Senn. So lassen sich die Kurven mit den Grasskiern, die wie Rollschuhe oder Raupenketten funktionieren, nicht andriften. «Ich sage immer, bei jedem Sturz schlägt man dreimal auf.» Aber immerhin: Trotz der härteren Unterlage seien schwere Verletzungen beim Grasski sehr selten.

Senn absolvierte mit dem Grasskiclub die Saisonvorbereitung, wollte aber keine Rennen fahren. Als sein Trainer ihn zu überreden versuchte, führte Senn an, dass er keine Rennlizenz besitze. Doch Trainer Clemens Caderas, der sowohl den Club als auch die Nati trainiert und früher mit Paul Accola oder Franco Cavegn zusammenarbeitete, hatte schon lange eine Lizenz gelöst.

Finanzen bremsen Sportler

Heute gehört Domenic Senn zur internationalen Spitze. Sein bisher grösster Erfolg war das Slalom-Gold an der Heim-WM im vergangenen Jahr. Hinzu kommen zahlreiche Siege bei Schweizer Meisterschaften oder Weltcup-Rennen. In der aktuellen Saison läuft es Senn allerdings nicht nach Wunsch: «Ich war immer in den Top Ten. Aber die perfekten Läufe, die es braucht, um ganz vorne mitzufahren, sind mir bis jetzt noch nicht gelungen. Das kratzt am Ego.»

«Der Weltcup-Zirkus ist wie eine grosse Familie aus Fahrern und Betreuern», sagt Senn. Dies sei ein weiterer grosser Unterschied zum Ski alpin, wo das Feld und der Konkurrenzkampf an der Spitze grösser seien und es um hohe Geldbeträge geht. Denn im Grasski gibt es – zumindest für einen Schweizer – nicht viel zu gewinnen. Die Unterstützung von Swiss Olympic reicht für die Bezahlung des Trainers sowie der Busmiete und des Benzins, um zu den Wettkämpfen zu kommen. Die restlichen Auslagen bestreiten die Athleten aus der eigenen Tasche. Das Sportgerät selbst ist nicht unerschwinglich. Doch wer vorne mitfahren will, der muss nach jedem Lauf die 168 Rollen an jedem Ski und weitere Einzelteile ersetzen. Diese Prozedur dauert «mit etwas Übung» anderthalb Stunden, die Materialkosten betragen knapp 90 Franken pro Lauf.

Die Kosten sind mit ein Grund, weshalb die Teilnehmerzahl bei den Weltcup-Rennen je nach Austragungsort zwischen 30 und 50 variiert: In entlegene Gegenden reisen weniger Athleten an. «Die besten 20 sind aber immer dabei», sagt Domenic Senn.

Hoher Stellenwert im Osten

Anders präsentiert sich die Situation etwa in Tschechien, wo viele Fahrer Profis sind. Oder noch weiter östlich: «Im Iran werden wir nach einem Rennen mit Tausenden Zuschauern am Flughafen erkannt, in Japan wohnten der Prinz und die Prinzessin, die auch Grasski-Verbandspräsidentin ist, dem Rennen bei», erklärt Senn.

Dass sich der Grasski für das Sommertraining von Alpin-Athleten nicht durchgesetzt hat, kann Domenic Senn, der beide Disziplinen kennt, nicht verstehen. «Dieses Training wäre eigentlich ideal und hat noch keinem geschadet.» Ausserdem kann man mit dem Grasski kostengünstig quasi vor der eigenen Haustür trainieren. Und nicht zuletzt sind auch die Geschwindigkeiten vergleichbar: Laut Domenic Senn erreicht man bei den Technischen Disziplinen Slalom und Riesenslalom bis zu 50, im Super-G 70 Stundenkilometer. «Ich bin überzeugt, dass man auf dem Grasski 100 Stundenkilometer schnell fahren kann», sagt Domenic Senn.

Bild: JOHANNES WEY

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