Auch Gais hatte sein eigenes Spital

Während 80 Jahren hatte auch Gais sein eigenes Gemeindespital. Obwohl man sich im Dorf lange wehrte, wurde es 1983 geschlossen. Das zu tragende Defizit war zu gross geworden, die Bedürfnisse und die Spitallandschaft hatten sich geändert.

Hanspeter Strebel
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Das Gemeindespital Gais um das Jahr 1922, als das Ökonomiegebäude (rechts) in ein Absonderungshaus umgebaut war. Links der 1909 erstellte Pavillon für Rekonvaleszenten. (Bilder: Geschichte der Gemeinde Gais)

Das Gemeindespital Gais um das Jahr 1922, als das Ökonomiegebäude (rechts) in ein Absonderungshaus umgebaut war. Links der 1909 erstellte Pavillon für Rekonvaleszenten. (Bilder: Geschichte der Gemeinde Gais)

Gais. Nach längerer Planung konnte das Gemeindespital Gais 1904 eröffnet werden. Eine wesentliche Verbesserung des Gesundheitswesens in der Gemeinde brachte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ständige Anwesenheit von lizenzierten Medizinalpersonen. Gemäss Gemeindegeschichte waren 1875/76 drei Ärzte und zwei Hebammen im Dorf tätig. 1886 wurde ein freiwilliger Krankenverein gegründet, der eine im Spital Altstätten ausgebildete «Krankenwärterin» als Gemeindeschwester anstellte.

Grössere Gemeinden waren für das entsprechende Angebot verpflichtet. Ausserdem gab es Krankenzimmer für kranke Aufenthalter wie Knechte, Mägde und Gesellen, wie andernorts auch. Solche waren im Haus der Drogerie Rotenstein des Ehepaars Heierli-Stamm untergebracht. In schwierigen Fällen konnte seit 1876 das mittelländische Bezirkskrankenhaus in Trogen benutzt werden, obwohl es auch die Gaiser vorzogen, sich bei Krankheit daheim pflegen und heilen zu lassen. Als Heierli die Krankenzimmer aus Personal- und Zeitmangel kündigte, machte sich die Gemeinde daran, ein eigenes Krankenhaus zu bauen, zumal seit längerem ein Fonds von Anna Magdalena Krüsi-Heim zur Verfügung stand.

An der Kirchhöri 1902 wurde dem Bau eines Krankenhauses mit Ökonomiegebäude in der Rotenwies zugestimmt. Der Kredit von gut 70 000 Franken wurde allerdings bis zum Bezug im Juni 1904 massiv überzogen. Schliesslich kostete das Vorhaben samt Landerwerb über 120 000 Franken. Der Bau war auf 18 Betten angelegt.

«Wohltat der Sonnenwärme»

Schon am Eröffnungstag waren im Absonderungshaus im Ökonomiegebäude vier an Scharlach erkrankte Kinder der Ferienkolonie Schwäbrig aufzunehmen. 1909 konnte dank eines Geschenks ein Pavillon im Garten erstellt werden, der es «Rekonvaleszenten ermöglichte, die Wohltat der Sonnenwärme geniessen zu können, ohne dem Winde ausgesetzt zu sein», wie es damals im Gemeindeprotokoll hiess.

Insbesondere die Zahl der Patienten mit ansteckenden Krankheiten nahm zu, so dass 1922 zusätzliche Absonderungszimmer im Ökonomiegebäude eingerichtet werden mussten. 1932 erfolgte ein grösserer Um- und Neubau des Hauptgebäudes. Während der Bauzeit mussten die Patienten im Krankenhaus Trogen untergebracht werden. Es folgten weitere Ausbauten und die Errichtung eines Schwesternhauses. Zunächst waren Diakonissinnen aus Neumünster in Gais tätig, ab 1933 bis zum durch mangelnden Nachwuchs erzwungenen Rückzug 1981 Bethanier-Schwestern.

Dezentralisierung «kein Luxus»

Bereits in den 1960er-Jahren gab es grosse Diskussionen um die Zukunft von drei öffentlichen Spitälern für die fünf Gemeinden im Mittelland. Ein Experte in der Person des Rorschacher Chefarztes wurde beigezogen, der aber zum Schluss kam, dies sei «kein Luxus». Gemeindespitäler entsprächen einer weit über die Spitalregion hinausgehenden politischen Konzeption, meinte der Experte. Probleme sah er allenfalls in Trogen, aber Gais habe gute Chancen. Die Lage des Hauses sei «bevorzugt», der Zustand «zweckgerecht» und die Atmosphäre «vorzüglich».

Die Gaiser Behörden antworteten zuhanden einer von der StwK eingesetzten Kommission: «An die Aufhebung des bestehenden Krankenhauses kann im Ernst wohl nicht gedacht werden», zumal sich zeigte, dass die Tarife in Gais klar günstiger waren als in den anderen Spitälern im Kanton. Auch zehn Jahre später wehrte man sich gegen jegliche Aufhebungsgelüste, während Trogen nun zu einem Chronischkranken-Pflegeheim wurde.

Das Aus im Jahr 1983

Nochmals zehn Jahre später kam dann aber auch für Gais das Aus. Der Gemeinderat sah sich bei Abwägung aller Vor- und Nachteile gezwungen, der Einwohnerschaft den Verzicht auf eine eigene Akutversorgung und die Umwandlung in ein Pflegeheim vorzuschlagen, aus dem dann später das Alterszentrum «Rotenwies» wurde. Das von der Gemeinde zu tragende Defizit war zu gross geworden, und eine Verbesserung zeichnete sich nicht ab. 1983 hiessen die Stimmberechtigten bei beträchtlicher Opposition den Schritt relativ deutlich gut. Die Gaiser Spitalgeschichte war nach 80 Jahren beendet.

Diakonissinnen aus dem Haus Bethanien sorgten für die Pflege.

Diakonissinnen aus dem Haus Bethanien sorgten für die Pflege.