Siebenjährigen Ilias getötet: Baslerin kündigte Tat an – das zeigt die Anklageschrift

Vor einem Jahr tötete eine psychisch schwer kranke Frau in Basel einen 7-Jährigen – nach klaren Drohungen.

Jonas Hoskyn
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Der sinnlose Mord am Schüler sorgte für grosse Betroffenheit.

Der sinnlose Mord am Schüler sorgte für grosse Betroffenheit.

Kenneth Nars (22. März 2019)

Der kaltblütige und brutale Mord am 7-jährigen Ilias erschütterte vergangenen März die ganze Schweiz. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft zeigt nun, dass die Täterin den Mord offenbar seit langem geplant hatte. Und: Die heute 76-jährige Täterin Alice F. hatte die Tötung mehrfach gegenüber den Behörden angekündigt. Weniger als eine Woche vor der Tat drohte die Frau in einem Schreiben ans Bundesgericht mit einer «Gewalttat». Bereits in den Wochen und Monaten zuvor hatte sie mehrfach Drohungen ausgesprochen.

Die Frau ist seit über 40 Jahren als notorische Querulantin bekannt. In den vergangenen Jahrzehnten wurde sie deswegen auch mehrfach gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingeliefert und begutachtet. Eine Behandlung ihrer Störung war aber nicht möglich, da sie sich verweigerte.

«Die Beschuldigte leidet an einer chronifizierten, schwerwiegend wahnhaften Störung, einem Querulantenwahn, welcher sich seit 1977 progredient entwickelt hat», schreibt die Staatsanwaltschaft. Seit über 42 Jahren deckt die Frau die Behörden mit Schreiben ein. Als die Ermittler nach der Tat den Lagerraum durchsuchten, in dem sie ihre Habseligkeiten aufbewahrt hatte, stiessen sie auf über zehn gefüllte Bananenkisten mit Briefen.

Auslöser der psychischen Störung war ein weitreichender ziviler Rechtsstreit ihres 1999 verstorbenen Partners. Dieser entwickelte sich zu einem Kampf gegen die Behörden. Einschneidend war dabei vor allem der Umstand, dass 1992 die Wohnung von F. und ihrem Partner in Allschwil (BL) zwangsgeräumt wurde. Die beiden wurden vorübergehend obdachlos. Ihr Eigentum wurde eingelagert und drei Jahre später liquidiert.

Ab 2002 war in den Briefen der Beschuldigten häufig die Rede von einem Mord als «Rechtsmittel». Die Behörden würden mit ihrem Verhalten ein Tötungsdelikt billigend in Kauf nehmen, drohte F. zunehmend unverhohlen. Einige Monate vor der Tat startete sie eine neue Serie von Briefen an das Bundesgericht, in denen sie ankündigte, dass von nun an eine «Gewalttat unumgänglich» sei, zumal ihr eine «gewaltfreie Lösung» verweigert würde. Die Abstände zwischen den Briefen wurden immer kürzer und die Drohungen zunehmend eindringlicher. F. setzte dem Bundesgericht jeweils Fristen, bis wann dieses die «Justizkorruptionsaffäre» aufklären solle.

Ihr letztes Schreiben ans Bundesgericht datiert vom 15. März 2019 – weniger als eine Woche vor der Tat. In den Tagen vor dem Mord verfasste sie auf ihrem Mobiltelefon mehrere SMS, in dem sie eine Tötung eines Kindes gestand. Die nicht versendeten Nachrichten konnten die Ermittler später rekonstruieren.

Frau dürfte lebenslang verwahrt werden

Am 21. März 2019 über die Mittagszeit wartete F. in der Nähe des Gotthelf-Schulhauses, entschlossen ihre von langer Hand geplante und mehrfach angekündigte Tat umzusetzen. 200 Meter vom Schulhaus entfernt traf sie zufällig auf den Primarschüler Ilias, der sich als einer der letzten seiner Klasse auf dem Heimweg befand. Von hinten näherte sich F. dem Jungen – «heimtückisch und in direkter Tötungsabsicht», wie die Staatsanwaltschaft schreibt. Gezielt stach sie dem wehrlosen Kind zwei Mal mit dem Messer in den Hals. Bevor sie sich vom Tatort entfernte, beugte sie sich noch über ihn und vergewisserte sich, dass sie ihn tödlich verletzt hatte. Als die Rettungskräfte kurz nach der Tat vor Ort eintrafen, war der Bub bereits klinisch tot.

Zwei Stunden nach der Tat stellte sich F. und händigte den Ermittlern auch die Tatwaffe aus. Die Staatsanwaltschaft klagt die Seniorin wegen Mordes an. Angesichts ihrer psychischen Verfassung sei sie aber als schuldunfähig anzusehen. Gemäss Antrag soll F. verwahrt werden. Angesichts ihres Alters und ihres psychischen Zustands würde dies wohl bedeuten, dass sie den Rest ihres Lebens in einer geschlossenen Anstalt verbringen würde.