Allzeitrekord
Knackt der Schweizer Leitindex SMI erstmals die Marke von 12'000 Punkten?

Zu Beginn der Coronapandemie crashte die Schweizer Börse. Doch dann koppelte sie sich ab – das sind die Gründe.

Niklaus Vontobel
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Neuer Rekord? Im Schlepptau der New Yorker Börse wird auch die Schweizer Börse in die Höhe gezogen

Neuer Rekord? Im Schlepptau der New Yorker Börse wird auch die Schweizer Börse in die Höhe gezogen

Nicole Pereira / AP New York Stock Exchange

Es ist ein Börsencomeback für die Geschichtsbücher. Noch am 23. März 2020 schlug der globale Lockdown an der Schweizer Börse voll durch. Der Swiss Market Index (SMI) hatte in nur einem Monat mehr als ein Viertel seines Wertes verloren. Doch dann war der Crash auf einmal vorbei. An der Börse endete die Coronakrise, als sie in der realen Welt gerade erst ihren Anfang nahm. Etwas mehr als ein Jahr später steht der Index nun kurz vor einer historischen Marke. Erstmals könnte er auf 12'000 Punkte ansteigen. Zeichnet man den Börsenchart ab Gründung des SMI im Jahre 1988 nach, ergibt sich folgendes Bild.

Das historische Comeback hat eine Reihe von Gründen.

Niemand hat Angst vor der bösen Inflation

Die Investoren glauben anscheinend nicht, dass die Inflation stark steigen wird. Eine starke Inflation würde bedeuten, dass die Zentralbanken gezwungen wären, Gegensteuer zu geben. Sie würden ihre Leitzinsen erhöhen, es käme zu einer Zinswende. Damit würden Aktien tendenziell an Wert verlieren, ausstehende Staatsanleihen ebenfalls. Die Investoren würden mehr Rendite verlangen, um eine Staatsanleihe zu kaufen. Doch von all dem ist nichts zu sehen. In den USA wurde letzte Woche bekannt, dass die Inflation im Mai rund 5 Prozent betragen hatte. Es war der höchste Wert seit 13 Jahren. Doch nichts passierte.

Aktien gewannen weiter an Wert, Staatsanleihen tendenziell auch. Anscheinend hat niemand Angst, dass es zu einem starken Anstieg der Inflation kommt. Die Investoren gehen davon aus, dass die Preise nur vorübergehend steigen. Der aktuelle Anstieg erklärt sich demnach damit, dass der Ölpreis wieder in die Höhe ging, nachdem er im letzten Jahr crashte. Und in einigen Branchen ging der Wechsel von Krise zu Erholungsboom etwas arg schnell: Die Preise steigen, weil die Nachfrage explosionsartig schnell zurückkehrte.

Boom, Boom, Erholungsboom

Erholungsboom ist das neue Wort, das Ökonomen geprägt haben, um die aktuelle Erholung der Wirtschaft zu beschreiben. Und wenn die Wirtschaft gut läuft, machen die Unternehmen mehr Gewinne - und sie sind an der Börse mehr wert. Und dieser Erholungsboom ist tatsächlich schwungvoll, wie sich diese Woche in der neuen Prognose des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigte. 2021 sollte die Wirtschaft um 3,6 Prozent wachsen und 2022 werden es nochmals 3,3 Prozent. Das Seco spricht von einem «im historischen Vergleich deutlich überdurchschnittlichen Wachstum». Und was in der Schweiz gilt, ist global zu beobachten. Ob in USA, in China oder in der Eurozone - überall zeigt sich, wie das Seco trocken schreibt: «stark überdurchschnittliches Wachstum».

Und so sind sie schnell wettgemacht, die wirtschaftlichen Verluste durch die Coronapandemie. Schon im zweiten Halbjahr wäre die Wirtschaft klar grösser als vor der Krise, wenn die Seco-Prognosen zutreffen. Die Erholung ist erstaunlich schnell, wie ein Vergleich mit der Finanzkrise von 2008 zeigt. Obschon die Wirtschaft in der Coronakrise ungleich stärker eingebrochen ist als in der Finanzkrise, sind die Verluste gleich schnell wettgemacht wie damals. Das hängt mit der Natur beider Krisen zusammen.

Die Finanzkrise nahm ihren Anfang auf dem amerikanischen Immobilienmarkt, dann wurde in der westlichen Welt eine Bankenkrise daraus und in der Eurozone gar eine Währungskrise. In Ländern wie Spanien, Griechenland oder Italien kriselten die Banken und ihre Exportunternehmen hatten auf einmal viel zu hohe Preise. Bis das allgemeine Chaos einigermassen korrigiert war, vergingen Jahre. Die Coronakrise war anders. Es wurden Teile der Wirtschaft künstlich in den Stillstand versetzt oder zumindest gebremst. Zugleich gab es massive staatliche Hilfen, damit sich die wirtschaftlichen Schäden in Grenzen hielten. Nun da das Virus einigermassen im Griff ist, kann die Wirtschaft wieder durchstarten.

Verzweifelt in der Tiefzinswelt

Der Börsenrekord ist nur bedingt Ausdruck einer boomenden Volkswirtschaft. Es zeigt sich auch die Verzweiflung der Investoren. Ihnen bleibt kaum eine andere Wahl, als in Aktien zu investieren. Schuldpapiere von Staaten oder Unternehmen rentieren nach wie vor nur mässig. Eine wirkliche Zinswende blieb aus. Diese Woche bekräftige die Europäische Zentralbank, noch länger an ihrem rekordtiefen Leitzins festhalten zu wollen. Von der Schweizerischen Nationalbank erwartet darum auch niemand eine Leitzinserhöhung. Heute fällt der Blick der immerzu nervösen Börsianer auf die amerikanische Zentralbank. Auch vom Fed wird indessen keine Zinserhöhung erwartet. Es könnte höchstens erste Signale aussenden, dass es seine ultralockere Geldpolitik bald ein Spürchen weniger ultralocker sein könnte. Mehr wird nicht erwartet.

Dass Aktien auch in Corona-Zeiten rentieren, hat einer schon gewusst, als die Börse noch zu crashen schien. Der frühere UBS-Chef und CS-Chef Oswald Grübel riet schon damals, nur die Ruhe zu bewahren: «Solange die Zinsen nicht steigen, gibt es Käufer für Aktien.»

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