Medizinnobelpreis
Echter Pioniergeist: Den Nobelpreis erhält Svante Pääbo, der unsere Verwandtschaft zu den Neandertalern aufgezeigt hat

Keine mRNA- oder Krebsforscherin hat den Nobelpreis für Medizin und Physiologie erhalten. Der Preis geht an den schwedischen Evolutionsforscher Svante Pääbo. Den Anthropologen Christoph Zollikofer von der Universität Zürich erstaunt das nicht.

Bruno Knellwolf
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Der schwedische Evolutionsforscher Svante Pääbo gewinnt den Nobelpreis. (Archivbild)

Der schwedische Evolutionsforscher Svante Pääbo gewinnt den Nobelpreis. (Archivbild)

Keystone

Grosses wissenschaftliches Aufsehen hat der 1955 in Stockholm geborene Svante Pääbo schon oft erregt. Auch im vergangenen Jahr als er entdeckte, dass sich Neandertaler-Gene in Pakistan ungünstig auf eine Covid-19-Erkrankung auswirken. Und dass zum anderen aber die Neandertaler-Gene in europäischen Menschen bei einer Infektion mit RNA-Viren helfen.

Nun hat der Evolutionsforscher, der besuchsweise auch an der Universität Zürich gearbeitet hat und seit 1997 Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig ist den Nobelpreis für Medizin erhalten.

Für den Anthropologen Christoph Zollikofer von der Universität Zürich kommt die Ehrung mit 10 Millionen schwedischen Kronen für Pääbo nicht unerwartet.

«Wenn jemand den Nobelpreis auf diesem Gebiet verdient hat, dann Pääbo.»

Preise hat Pääbo tatsächlich schon viele erhalten. Vor zwei Jahren den mit einer halben Million Franken dotierten Japan-Preis, der als japanischer Nobelpreis gilt.

Begründer der Paläogenetik

Pääbo ist der Begründer der Paläogenetik, die sich mit der Analyse genetischer Proben aus Fossilien und prähistorischen Funden befasst. Dabei sind ihm herausragende Entdeckungen gelungen, indem er DNA-Sequenzen von heute lebenden Menschen mit der von Neandertalern und anderen menschlichen Vorfahren vergleicht.

«Zum einen wollte das Nobelpreiskomitee einen Akzent setzen und damit sagen: Medizin und Physiologie haben auch mit menschlicher Evolution zu tun», sagt Zollikofer. Im Wesentlichen hat Pääbo den Preis aber erhalten, weil er die Neandertaler-Genetik aufgeklärt hat. «Vor 30 Jahren hätte niemand geglaubt, dass das möglich ist». 1997 konnte Pääbo erstmals mitochondriale DNA-Sequenzen eines Neandertalers bestimmen. Beim Vergleich mit unserem Erbgut stellte er fest, dass der Neandertaler nicht unser Vorfahre ist, sondern einen eigenständigen Zweig innerhalb der menschlichen Evolution darstellt.

Wie haben bis 4 Prozent Neandertaler-Erbgut

2008 gelang ihm die komplette Entschlüsselung der mitochondrialen DNA des Neandertalers. Dieses mitochondriale Erbgut liegt in jeder Zelle mit Tausenden Kopien vor, ist recht widerstandsfähig und eignet sich deshalb für paläogenetische Analysen und die Rekonstruktion der Evolutionsgeschichte. 2010 entschlüsselte Pääbo dann die Genomsequenz des Neandertalers komplett und bestimmte dann unsere wirkliche Verwandtschaft mit diesen Vorfahren: Der frühe moderne Mensch hat sich bei seiner Ausbreitung aus Afrika nach Eurasien mit den Neandertalern vermischt. Deshalb haben Nichtafrikaner in ihrem Genom jetzt 1 bis 4 Prozent der DNA vom Neandertaler. Der Neandertaler ist keine eigene Art. «Der Art-Begriff musste dank Pääbos Arbeit revidiert werden», sagt der Anthropologe Zollikofer.

Pääbo, der 1975 zuerst Ägyptologie, Russisch und Wissenschaftsgeschichte und erst ab 1977 Medizin studiert hatte, entdeckte auch eine neue Urmenschenart. Pääbos Team hatte 2010 das Kerngenom eines 30’000 Jahre alten Fingerknochens aus der sibirischen Denisova-Höhle sequenziert. Daraus resultierte die Entdeckung des Denisova-Menschen, der eine gemeinsame Herkunft mit den Neandertalern hat, aber danach einen anderen evolutionären Weg eingeschlug. In weiteren Analysen fand Pääbo schliesslich heraus, dass der Denisova-Mensch sein Erbgut an Populationen auf Neuguinea, an australische Ureinwohner und philippinische Populationen weitergegeben hat, von Sibirien bis nach Südostasien.

Fossile DNA auch aus wärmeren Regionen

Pääbo entwickelte Techniken, welche eine DNA-Sequenzierung alter Knochen ermöglichte wie beim Erbgut heutiger Menschen. In Folge davon gelang im 2013 eine weitere Sensation, als er mit seinem Team das mitochondriale Erbgut eines 400’000 Jahre alten Hominiden aus Spanien entzifferte. Eine Sensation war das deshalb, weil bis dahin so altes Erbgut nur von eiskalten Fossilien aus Permafrost gewonnen werden konnte. Auch hier konnte er die Verwandtschaft dieses Hominiden mit den Neandertalern belegen.

Die Liste seiner Erfolge ist noch länger. Denn auch den ältesten modernen Menschen hat er analysiert: einen 45’000 Jahre alten Mann aus Sibirien, der ebenfalls Segmente von Neandertaler-DNA in seinem Erbgut aufwies. Dies belegt, dass sich die Vorfahren dieses Sibiriers nur etwa 5000 bis 15’000 Jahre vor dessen Geburt vermischt haben.

Gegen viele Widerstände durchgesetzt

Dank Pääbo habe sich diese Forschung weltweit stark ausgebreitet, sagt Zollikofer. Der Schwede sei extrem innovativ. Er habe gezeigt, dass jemand mit einer verrückten Idee daherkommen und sich trotzdem gegen viele Widerstände durchsetzen könne. Das zeichne gute Forschung aus. Bis zu Pääbos Durchbruch hätte diese Forschung nur die Skelettmorphologie und Steinwerkzeuge zur Verfügung gehabt.

«Mit der DNA-Sequenzierung von Fossilien hat sie ein völlig neues und viel genaueres Instrument erhalten. Inzwischen ist es möglich, sogar ohne Knochen zu forschen, lediglich mit DNA-Resten aus Sedimenten. Aufgrund dessen, dass Neandertaler in einer Höhle ihre Notdurft hinterlassen haben oder dort gestorben sind und so ihr Erbgut immer noch in Sedimenten zu finden ist», erklärt Zollikofer. Pääbo zeichne echten Pioniergeist aus, was sich auch darin zeige, dass er den Nobelpreis allein bekommen hat. Das ist tatsächlich ungewöhnlich.

Was Neandertaler-Gene mit uns machen

In Zukunft erwartet Zollikofer, dass Pääbos Forschung sich womöglich weiter in Richtung Medizin bewegt. «Man sieht das schon in seiner letzten Publikation, die er gerade vor ein paar Wochen veröffentlicht hat.» Darin wird die Frage gestellt, welche Funktion jene Gene für die Hirnentwicklung haben, die bei uns verschieden sind von jenen der Neandertaler. Das ist eine Kombination von Evolution und Entwicklungsbiologie. Daraus lässt sich klären, warum wir anders sind und welche Gene vom Neandertaler oder Homo sapiens für unsere Krankheiten verantwortlich sind.

Bei den Buchmachern hatte Pääbo keine guten Karten: Auf der bekannten Liste «Clarivate Citation Laureates» werden jedes Jahr vor der Vergabe des Nobelpreises die Favoriten aufgeführt. Der schwedische Evolutionsforscher Svante Pääbo war nicht drauf. Top-gelistet für den Medizin-Nobelpreis waren Demenz- und Brustkrebsforscherinnen und Genetiker. Aber weder sie noch mRNA-Forscherinnen und Forscher haben das Rennen um die 10 Millionen schwedischen Kronen gemacht.