Schweizer Pop
Postkartenmotiv gegen Räuberpistole: Das Duell der Scheinwelten

Heute Abend werden die Swiss Music Awards verliehen. In der Kategorie Best Female kommt es dabei zum Kampf der Gegensätze: Beatrice Egli gegen Loredana.

Michael Graber
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Loredana (links) und Beatrice Egli sind die beiden Favoritinnen in der Kategorie Best Female an den Swiss Music Awards. Wer den Preis erhält, zeigt sich am Freitagabend.

Loredana (links) und Beatrice Egli sind die beiden Favoritinnen in der Kategorie Best Female an den Swiss Music Awards. Wer den Preis erhält, zeigt sich am Freitagabend.

Bild: Andrea Camen/Two Sides/FM1Today/
Montage: kob

Loredana (25) war kürzlich in Dubai. Dort hat sie vergoldete Sachen gegessen, in einem Zoo direkt neben den Tieren diniert und teure Kleider getragen. Beatrice Egli (32) war wandern, verpflegte sich mit einem Picknick auf einem Bänkli und hat fröhliche, neonfarbene Sportsachen getragen. Es gibt kaum etwas, was die Schweiz mehr eint, als das ständige Suchen nach Gegensätzen. Alle sind anders. Alle sind die Besten. Alle sind einzigartig. Stadt gegen Land. Berg gegen Tal. Loredana gegen Beatrice Egli.

Da die Rapperin mit kosovarischen Wurzeln. Aufgewachsen in Emmenbrücke in der grauen und verkehrsgeplagten Luzerner Agglomeration, mit einem Ausländeranteil von über 35 Prozent. Involviert in ein mittlerweile abgeschlossenes Betrugsverfahren (es endete mit einer aussergerichtlichen Einigung). Grosserfolg im deutschsprachigen Raum mit Millionen Klicks und Plays auf Youtube und Spotify. Ihre Tracks heissen «Tut mir nicht leid» und «Genick».

Dort das Schlagersternchen, Metzgerstochter aus Pfäffikon SZ. Man sieht auf den Zürichsee und badet im Alpamare. Egli siegte im Finale der zehnten Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» (DSDS). Sie verzückt das Schlagerpublikum im In- und Ausland. Ihre Songs tragen Titel wie «Verliebt, verlobt, verflixt nochmal» und «Keiner küsst mich».

Was die zwei Welten eint: Beide sind sehr erfolgreich. Loredana Zefi und Beatrice Egli sind die beiden Schweizer Künstlerinnen (Loredana hat eigentlich keinen Schweizer Pass) mit den grössten Verkaufszahlen, beide feiern einen Grossteil ihres Erfolgs in Deutschland. Und trotz aller Gegensätze sind beide auf ihre jeweils eigene Art typisch schweizerisch.

Die Welt nicht neu erfinden

Ironischerweise verkörpert Loredana mit ihrem ständigen Streben nach Anerkennung und Reichtum ja eigentlich den tief schweizerischen Traum. Schaffe, schaffe, Häusle baue. Schöne Wohnung, tolles Auto, im Winter etwas in die Wüste. Von so etwas oder Ähnlichem träumt wohl gut die Hälfte im vollgestopften Pendlerzug um 7.15 Uhr morgens. Dass Loredana dabei etwas getrickst, geschummelt und betrogen hat – geschenkt. Das haben die Neo-Super-Rich-Kids wohl auch, die dem Bund überteuerte Masken angedreht haben. Und die sind immerhin in der Jungen SVP.

Beatrice Egli wirkt dagegen wie ein von Touristiker ausgedachtes Postkartenmotiv mit einem Bergpanorama voller Heile-Welt-Blümchen. Im «Blick» hat sie jüngst «sieben Tipps für Lebensfreude» geteilt. Tipp 1: «Fokus auf das, was geht». Tipp 4: «Zeit mit Familie und Freunden». Tipp 6: «Lachen». Die Schwyzerin muss die Welt nicht neu erfinden, alles Gute ist ja bereits da. Sie ist eine Bewahrerin. Sie geht gerne wandern, ihr Lieblingsessen ist «alles aus Mamas Küche», und sie lacht immer. Beatrice Egli ist ein bisschen die Nachbarin, mit der man ständig redet und doch kaum etwas über sie weiss, weil man halt immer übers Wetter plaudert.

Loredana rappt in Sonnenbrille «Die Hände voller Cash, kann nicht ans Handy geh'n/Mein Leben so gefickt, ich kann kein Ende seh'n». Im dazugehörigen Video hat es Luxusautos, eine junge Raubkatze an einer Leine, und Geld wird herumgeworfen. Es ist, dezent formuliert, massiv protzig. In einem Land, in welchem man stolz ist auf den Wohlstand, aber seinen Reichtum nicht zur Schau stellt, wirkt das mindestens eine Schuhnummer zu prollig, zumindest für die Generation, die aus Gewohnheit weiterhin «Radio DRS» sagt.

Der wichtigste Musikpreis der Schweiz

Die Swiss Music Awards werden am Freitagabend ab 20.15 auf 3+ ausgestrahlt. Die Sendung wird aus dem Hallenstadion in Zürich übertragen. Moderiert wird die Sendung von Nik Hartmann. Unter anderem treten Pegasus und Patent Ochsner auf. Die Band um Büne Huber erhält auch den Award für ihr Lebenswerk. Alle anderen Preise werden erst im Verlauf der Sendung übergeben. Chancen auf mehrere Preise haben unter anderem Heimweh und Loco Escrito. Bei den meisten Awards ist eine Mischung aus Jury- und Publikumsstimmen ausschlaggebend.

Traum-Schwiegertochter mit guten Manieren

Dennoch ist Loredana gerade hier das viel authentischere Abbild einer jüngeren Generation als die liebe Beatrice Egli. Das Streben nach Statussymbolen in Form von Klamotten und Karossen sieht man an jedem Bahnhof der Schweiz kurz nach dem Eindunkeln. Beatrice Egli verkörpert dagegen jenes Bild, das die ältere Generation von den jungen Leuten gerne hätte. Sie ist eine Traum-Schwiegertochter, mit guten Manieren und wenig Ecken und Kanten. Als ihre Schwäche nennt sie, dass sie «manchmal ein bisschen ungeduldig» ist.

Unter dem Strich sind beides Kunstwelten. Loredana pflegt die Räuberpistole und Beatrice Egli das lustige Gute Laune-Idyll. Sowohl Loredana wie Egli sind Sehnsuchtsobjekte: Sie halten der Gesellschaft den Zauberspiegel hin, in dem sich nicht die Realität, sondern das Wunschdenken zeigt.