Schweizer Künstlerin
Sophie Taeuber-Arp wird in Basel, London und New York neu entdeckt

Das Kunstmuseum Basel, die Tate Modern in London und das MoMa in New York widmen Sophie Taeuber-Arp eine gemeinsame Ausstellung. Sie etabliert die Schweizerin international als Avantgardistin. Endlich.

Mathias Balzer
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Sophie Taeuber-Arp: Vielen Kollegen eine Nasenlänge voraus.

Sophie Taeuber-Arp: Vielen Kollegen eine Nasenlänge voraus.

Bild: Georgios Kefalas / KEYSTONE

Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseums Basel, nennt es einen «historischen Moment»: Die Ausstellung «Sophie Taeuber-Arp – gelebte Abstraktion» soll nichts weniger als das Werk der Schweizer Künstlerin unter den grossen Avantgardistinnen und Avantgardisten der klassischen Moderne etablieren. Die Tate Modern in London und das Museum of Modern Art in New York garantieren als Partner die internationale Aufmerksamkeit. Die Idee, diese Künstlerin prominent zu würdigen, entstand bereits 2006 in New York, als Nachhall einer dort gezeigten Dada-Ausstellung.

In der Schweiz wurden Sophie Taeuber-Arp bereits 1977 in Winterthur, 1989 im Kunsthaus Aarau und am selben Ort 2014 grosse Ausstellungen gewidmet, letztere mit rund 300 Werken. Zwanzig Jahre lang war ihr Gesicht auf der Fünfzigernote präsent. Fragt sich, warum sich der 1889 geborenen Künstlerin erst jetzt die Tore zur internationalen Anerkennung öffnen.

Fotografie von Erika Schlegel und ihre Schwester Sophie Taeuber im Kostüm, nach 1925.

Fotografie von Erika Schlegel und ihre Schwester Sophie Taeuber im Kostüm, nach 1925.

Zvg / Aargauer Zeitung

Die Kuratorinnen Walpurga Krupp und Anne Umland schreiben dazu im Basler Katalog: «Geschlechtliche Diskriminierung ist nur einer der Gründe, warum der Name Sophie Taueber-Arp nicht allgemein geläufig ist.» Eine weitere Ursache liege in der künstlerischen Praxis. Oder anders formuliert: Die gebürtige Appenzellerin war ihren europäischen, männlichen Kollegen um eine Nasenlänge voraus. Sie kannte keine Angst vor Genregrenzen.

Sie war bildende Künstlerin und Tänzerin, entwarf Textilien, Möbel, Häuser und gab Ende der 1930er-Jahre eine Kunstzeitschrift heraus, um dem Kunstverbot in Deutschland und der UDSSR etwas entgegenzuhalten. Scheinbar unbeschwert löste sie den Anspruch der Moderne ein, dass Kunst alle Lebensbereiche durchdringen soll. Ein Konzept, das erst ab den 1960er-Jahren Breitenwirkung entfalten sollte.

Kommt hinzu, dass nicht wenige Sophie zuerst als Frau des Künstlers Hans Arp wahrgenommen haben. Auch das ein Missverständnis. Die beiden hatten getrennte Kassen und Sophie finanzierte über zwölf Jahre als Lehrerin an der Kunstgewerbeschule Zürich das Bohème-Leben zwischen Zürich und Paris zumindest mit. Die ökonomische Unabhängigkeit ging mit der künstlerischen einher, auch wenn klar ist, dass die Werke von Hans und Sophie sich gegenseitig stark beeinflussten. Eine Zeitreise ins gemeinsame Atelierhaus nach Clamart, nahe Paris, 1929 von Sophie entworfen, würde wohl zeigen, wie symbiotisch die kreative Beziehung, wie avantgardistisch und seiner Zeit voraus auch das Eheleben war.

Das unvollendete Werk einer verblüffend vielseitigen Frau

Die Ausstellung in Basel folgt dem Leben und Schaffen von Sophie Taeuber-Arp chronologisch, mit insgesamt 250 Exponaten. Zürich, Strassburg, Paris, das Exil in Südfrankreich sind die geografischen Bezugspunkte, die formale Vielfalt bestimmt die Raumfolge. Und bereits im ersten, dem Kunsthandwerk gewidmet, wird augenscheinlich, wie brillant und leichtfüssig diese Künstlerin mit Farbe und Form umzugehen wusste. Und mit heutigem Blick wird schnell klar, dass hier die Unterscheidung zwischen Kunst und Kunsthandwerk rasch obsolet wird.

Die Marionette Dr. Oedipus Komplex aus dem Stück «König Hirsch» (King Stag), 1918, Sophie Taeuber-Arp.

Die Marionette Dr. Oedipus Komplex aus dem Stück «König Hirsch» (King Stag), 1918, Sophie Taeuber-Arp.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Das Video im folgenden Raum zeigt ihre Marionetten zum Stück «König Hirsch» in Aktion und damit exemplarisch die Verspieltheit und den Humor dieser Künstlerin. Die Innenarchitekturentwürfe, zuvorderst derjenige für ein Vergnügungslokal in Strassburg, beweisen, wie umfassend sie den Anspruch der Moderne verwirklichen wollte. Und als ob dies nicht genug wäre, malt die Künstlerin in den 1930er-Jahren abstrakte Gemälde, die denjenigen der männlichen Kollegen in nichts nachstehen. Und während der entbehrungsreichen Jahre im südfranzösischen Exil gelingt ihr nochmals eine formale Erweiterung ihrer Malerei.

Sophie-Taueber-Arp hinterliess ein hochkarätiges, aber unvollendetes Gesamtkunstwerk. 1943 starb sie im Haus ihres Freundes Max Bill in Zürich, nachdem sie endlich ein Visum für die Schweiz erhalten hatte. Dem Schlafzimmerofen war in der Nacht zu viel Kohlenmonoxid entwichen. Diese Frau hat ihr Werk mit verblüffender Leichtigkeit ihrem an Katastrophen reichen Zeitalter abgerungen. Dazu noch ein tragischer Tod. Einem männlichen Künstler hätte all dies wohl schon früher zu internationalem Ruhm verholfen.

Sophie Taeuber-Arp – gelebte Abstraktion, bis 20. Juni. Kunstmuseum Basel.

«Composition», 1931, von Sophie Taeuber-Arp im Kunstmuseum in Basel.

«Composition», 1931, von Sophie Taeuber-Arp im Kunstmuseum in Basel.

Georgios Kefalas / KEYSTONE