SRG
Nun sind die anzüglichen Witze des Tessiner Radio- und TV-Direktors bekannt

RSI-Direktor Maurizio Canetta wurde das Dossier zu den sexuellen Belästigungen beim Tessiner Radio- und Fernsehen entzogen. Nun ist der Inhalt der Tweets bekannt, die zu diesem Schritt führten.

Gerhard Lob aus Locarno
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Maurizio Canetta steht wegen zwei Tweets im Fokus.

Maurizio Canetta steht wegen zwei Tweets im Fokus.

Keystone

Zwei Tweets. Nur wenige Worte. Doch sie reichten, um dem Direktor des Radios und Fernsehens der italienischen Schweiz (RSI), Maurizio Canetta (64), das Dossier zu sexuellen Belästigungen und Mobbing zu entziehen. Ein folgenschwerer Entscheid, der im Tessin einschlug wie eine Bombe. SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina und SRG-Generaldirektor Gilles Marchand haben diesen Entscheid gefällt, wie diese Woche bekannt wurde (CH Media berichtete).

Doch was steht eigentlich in den «nicht-opportunen und scherzhaften Tweets», die Canetta im April des letzten Jahres geschrieben und wieder gelöscht hatte? Das war in diesen Tagen das grosse Rätsel in der Südschweiz. Der Online-Plattform «Ticinonews», die zur Gruppe des «Corriere del Ticino» gehört, ist es nun gelungen, das Geheimnis zu lüften.

Konversationen sind bekannt

In einem Artikel vom Freitag werden die beiden Konversationen als Faksimile dargestellt. Es handelt sich jeweils um Antworten im Rahmen einer Konversation. Das erste Gespräch dreht sich um das Oberkörper-Bild einer jungen Frau, die in einem knappen T-Shirt lasziv ihre grossen Brüste zeigt. «Certe cose non si spiegano», heisst es («Bestimmte Dinge lassen sich nicht erklären»). Darauf anwortete Canetta im Reim: «E nemmeno si piegano». Was wörtlich so viel heisst wie: «… noch lassen sie sich verbiegen».

In der zweiten Konversation, die offensichtlich ebenfalls um ein sexuelles Thema kreist, wird die Frage gestellt: «Quanti di voi hanno già provato a succhiarselo da soli?» Zu Deutsch: «Wie viele von euch haben schon mal versucht, ihren eigenen Penis zu lutschen?» Antwort Canetta: «Ci ho rinunciato quarant‘anni fa. Dopo aver letto D’Annunzio». («Ich habe es vor 40 Jahren aufgegeben. Nachdem ich D’Annunzio gelesen habe.»)

Entschuldigt und Tweets gelöscht

Canetta hatte sich bereits letztes Jahr bei der Personalabteilung von RSI für die Tweets entschuldigt und diese gelöscht. Gleichwohl sind sie nun wiederaufgetaucht. Auslöser war offenbar die Replik auf ein Interview der Präsidentin der Tessiner SSM-Sektion, Maria Chiara Fornari, vom 19. Januar mit «Le Temps». Im Interview erhob die Tessiner Arbeitnehmervertreterin schwere Vorwürfe gegen die RSI-Leitung und das Betriebsklima in Lugano-Comano. Am Sitz der RSI seien sexistische Witze an der Tagesordnung.

Die RSI wies die Vorwürfe entschieden zurück. Danach sind die Tweets nun aufgetaucht beziehungsweise an die SRG-Generaldirektion in Bern gesandt worden. Offenbar stammen sie von einem ehemaligen RSI-Mitarbeitenden, wie «Ticinonews» berichtet.

Angespanntes Verhältnis weiter belastet

Die Angelegenheit wirft erneut hohe Wellen in der Südschweiz und in der Öffentlichkeit ein negatives Licht auf ein Medienunternehmen, das im Tessin sowieso nicht den besten Ruf geniesst. Die Gewerkschaft SSM zeigte sich in einer Medienmitteilung vom Freitag entrüstet, dass sich der RSI-Chef, der in zwei Monaten ohnehin pensioniert wird, «sozusagen selbst freigesprochen hat», während andere Mitarbeiter bei Verfehlungen gegen die Firmenrichtlinien hart zur Rechenschaft gezogen würden. Das sowieso angespannte Verhältnis zwischen Belegschaft und Direktion ist nun noch zusätzlich belastet. RSI ist mit über 1000 Mitarbeitern eines der grössten Unternehmen ennet dem Gotthard.

Im Rahmen der Debatte zur sexuellen Belästigungen in SRG-Unternehmenseinheiten sind beim SSM bislang gut 30 Anzeigen zu Vorfällen bei RSI eingegangen, die nun von einem externen Anwaltsteam von je zwei Männern und Frauen begutachtet werden. Im vergangenen Jahr, am 25. November, hatte Canetta zu diesem Dossier auf seinem eigenen Sender gesagt: «In dieser Sache kennen wir keine Toleranz.»