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Bei der Impfstoffbeschaffung wird «ein aggressiver Plan» verfolgt – vor allem Frauen sind von Long Covid betroffen und Schummeleien bei der Kurzarbeit

Der Unterhändler der Schweiz für die Impfbeschaffung wehrt sich gegen Vorwürfe, von Schummeleien bei der Kurzarbeit berichten Angestellte und in der Forschung hat man festgestellt, dass besonders Frauen von Long Covid betroffen sind: Corona beschäftigt auch die Sonntagspresse.

Sandra Havenith
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Viele, die wegen Corona im Krankenhaus lagen, haben danach noch lange mit der Krankheit zu kämpfen.

Viele, die wegen Corona im Krankenhaus lagen, haben danach noch lange mit der Krankheit zu kämpfen.

Bild: Keystone

Es fehlt an Impfstoff, deshalb gab es viel Kritik auch an den Impfbeschaffungsmassnahmen der Schweiz. Andrin Oswald (50), der externe Delegierte für Impfstoffbeschaffung, der für die Schweiz mit den Impfstoffherstellern verhandelt hat, wehrt sich im SonntagsBlick jetzt gegen den Vorwurf, die Schweiz sei zu zögerlich vorgegangen im Wettkampf um die Corona-Impfung:

«Wir verfolgten einen aggressiven Plan.»

Bereits im Mai habe die Schweiz für den Moderna-Impfstoff eine Summe in die Hand genommen, die verglichen an der Bevölkerungszahl grösser gewesen sei als jene, die die USA investierte habe, sagt der ehemalige Unterhändler. Die Strategie sei gewesen, schnell Zugang zu den bestmöglichen Impfstoffen zu erhalten – wie andere führende Länder auch. Schneller als alle anderen zu sein, sei nie der Plan gewesen.

Hat die Schweiz alles richtig gemacht? Der Unterhändler der Impfbeschaffung nimmt dazu Stellung.

Hat die Schweiz alles richtig gemacht? Der Unterhändler der Impfbeschaffung nimmt dazu Stellung.

Bild: Keystone

Oswald hat allerdings auch einen Vorschlag, um künftig in Bern ein höheres Tempo zu erreichen: «Es bräuchte einen Krisenstab. Ohne diesen kann man nicht effizient auf eine Krise reagieren», sagt Oswald.

Long Covid: Vor allem junge Frauen betroffen

Wie gefährlich das Coronavirus ist und warum es deshalb wichtig ist zu impfen, das wissen vor allem die, die die Krankheit besonders hart getroffen hat, die Long-Covid Patienten. Immer mehr konzentriert sich die Forschung deshalb auf diese Fälle, statt nur die Todeszahlen anzuschauen, wie eine Recherche der NZZ am Sonntag zeigt.

Eine Studie aus China an 1700 hospitalisierten Patienten zeigt, dass 76 Prozent von ihnen sechs Monate später noch immer mindestens ein Symptom aufwiesen. Viele von ihnen sind junge Frauen. Gregory Fretz, Arzt für Innere Medizin am Kantonsspital Chur, sagt:

«Die Betroffenen sehen gesund aus, man sieht ihnen das Leid nicht an, und das macht es auch so schwierig für das soziale Umfeld oder den Arbeitgeber».

Fretz leitet eine Sprechstunde für Long Covid. «Wir sehen viele junge, ehrgeizige Leute, die gerne arbeiten. Sie alle erzählen uns die genau gleiche Geschichte.» Fretz ist überzeugt: «Long Covid ist keine psychische Krankheit.» Experten gehen davon aus, dass die Covid-19-Pandemie unweigerlich eine Welle von chronisch kranken Menschen hervorbringen wird, die sich den klassischen Diagnoseverfahren der Medizin entziehen.

Angestellte werfen Selecta Schummeleien bei der Kurzarbeit vor

Während einige schwer unter den Folgen der Krankheit leiden, bangen viele andere Menschen in dieser Corona-Krise um ihren Job und sind deshalb leichte Beute für solche, die diese Situation gerne ausnutzen. So schildern mehrere Mitarbeitende von Selecta in der «NZZ am Sonntag», wie ihr Arbeitgeber missbräuchlicherweise Kurzarbeitsgelder abrechnet.

Zu Beginn der Coronakrise habe ein Abteilungsleiter sein Team angeblich direkt dazu aufgefordert, 50% zu stempeln, aber 100% zu arbeiten. Inzwischen werde der Druck subtiler ausgeübt: Teams würden sich darauf einigen, nur noch halbtags zu arbeiten. Doch Vorgesetzte organisierten auch Sitzungen zu Zeiten, in denen laut offizieller Zeiterfassung niemand arbeiten dürfte.

Die Medienstelle von Selecta schrieb der «NZZ am Sonntag» dazu: «Die zuständige Behörde hat mehrmals Prüfungen vorgenommen. Dabei wurden keine Unregelmässigkeiten festgestellt.» Selecta nehme die Hinweise ernst und gehe ihnen nach.

Bisher sind beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) insgesamt bereits 739 Missbrauchsmeldungen von verschiedenen Firmen eingegangen. Ab Mai werden die Kontrollen verstärkt – 45 externe Experten werden die Seco-Revisoren dann bei der Missbrauchsbekämpfung unterstützen. Die über 100'000 Betriebe, für die keine Missbrauchsmeldung vorliegt, werden in Stichproben geprüft. Der Bund rechnet damit, dass bis zu 4200 Unternehmen ungerechtfertigterweise Kurzarbeitsgelder beziehen.