Kriminalität
Hohe Dunkelziffer bei Tötungsdelikten? Der Ständerat möchte es genau wissen

In der Schweiz werden jedes Jahr 50 Menschen Opfer eines Tötungsdeliktes. Doch stimmt diese Zahl? Eine Studie weckt Zweifel. Nun wird die Politik aktiv.

Reto Wattenhofer
Drucken
Der Fall der ermordet aufgefundenen Pfadiführerin in Zollikerberg sorgte 1993 für viel Aufsehen.

Der Fall der ermordet aufgefundenen Pfadiführerin in Zollikerberg sorgte 1993 für viel Aufsehen.

Keystone

Hierzulande ereignen sich jährlich rund 50 Tötungsdelikte. Aufhorchen lässt eine 2015 erschienene Studie. Die Autoren kommen darin zum Schluss, dass rund die Hälfte der Tötungsdelikte unentdeckt blieb. Sie stützen sich dabei auf ähnliche Untersuchungen aus Deutschland ab. Bei vielen Fällen spiele der Zufall eine Schlüsselrolle.

Sieben Jahre später nimmt sich nun auch die Politik dem brisanten Thema an. Auf dem Tisch hatte der Ständerat am Dienstag ein Postulat. Darin wird der Bundesrat aufgefordert, mit einem Bericht Licht ins Dunkel zu bringen. Eingebracht hat die Forderung einer der Studienautoren, der Zürcher SP-Ständerat Daniel Jositsch.

Heute müsse ein Arzt den Tod eines Menschen feststellen, erklärte Jositsch im Ständerat. Dabei entscheide er auch, ob der Tod eine natürliche Ursache habe oder ob es sich um einen aussergewöhnlichen Todesfall handle. Unter Letztere fallen etwa Unfälle, Suizide oder Tötungen. Gemäss Jositsch lässt sich nicht ausschliessen, dass dabei auch Tötungsdelikte übersehen werden. Der erste Arzt sei in der Regel kein forensischer Mediziner.

Panikmache ist Fehl am Platz

Jakob Stark (SVP/TG) stellte sich gegen das Postulat. Er sei zwar einverstanden, die Frage aussergewöhnlicher Todesfälle zu untersuchen. Aber dies müsse objektiv geschehen. Stark bezweifelte, dass das hier der Fall sein. Er verwies auf reisserische Medienberichte, welche bereits die These in den Raum gestellt hätten, ob Mörder in der Schweiz straffrei davon kämen.

Auch Kommissionssprecher Jositsch hatte vor vorschnellen Schlussfolgerungen gewarnt. «Wir wollen nicht auf Panik machen», versicherte er. Es gehe darum, der Sache auf den Grund zu gehen. Das wollte auch der Ständerat und überwies das Postulat mit 35 zu 3 Stimmen an den Bundesrat.

Auch die Landesregierung ist mit dem Auftrag einverstanden. Er möchte untersuchen, ob die von den Forschern genannte Dunkelziffer Fiktion oder Realität sei – und ob die Strafprozessordnung angepasst werden muss, um Schwachstellen zu beheben. Justizministerin Karin Keller-Sutter argumentierte, es gebe ein Interesse der Behörden, allfällige Tötungsdelikte zu entdecken.