Gasversorgung
Winterthur beschafft kein russisches Gas mehr: Geht das überhaupt und was tun die anderen Schweizer Städte?

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Die Stadt Winterthur wendet sich von russischem Gas ab. Warum andere Städte Zweifel haben, ob das funktioniert, und wie sie das heikle Thema handhaben.

Ann-Kathrin Amstutz
Drucken
Seit dem 1. Juni beschafft Winterthur nur noch Gas, das nicht aus Russland stammt.

Seit dem 1. Juni beschafft Winterthur nur noch Gas, das nicht aus Russland stammt.

Keystone

Schluss mit russischem Gas: Diese Devise verfolgt Winterthur seit dem 1. Juni. Seither bezieht die Stadt nur noch Erdgas aus Quellen in der Nordsee – aus Norwegen, Holland oder Grossbritannien. Mit dem Krieg in der Ukraine sei sowohl vom Stadtwerk als auch seitens der Kundschaft der Wunsch nach nicht-russischem Erdgas aufgekommen, teilte die Stadt am Freitag mit.

Dabei würde das Stadtwerk Winterthur neu die Möglichkeit nutzen, sein eingekauftes Gas mittels Herkunftsnachweisen zu deklarieren, heisst es weiter. Durch deren Kauf sei sichergestellt, dass die in Winterthur benötigte Gasmenge aus Quellen in der Nordsee stamme. Die Stadt schreibt:

«Somit wissen die Winterthurerinnen und Winterthurer, woher ‹ihr› Erdgas in den Gasprodukten stammt.»

Zu schön, um wahr zu sein? – Zweifel am Winterthurer Modell

Als leuchtendes Beispiel geht also Winterthur voran. Doch was ist mit den anderen Schweizer Städten? Ziehen diese nach?

Wohl kaum. Vielleicht ist das Winterthurer Modell aber auch etwas zu schön, um wahr zu sein. Denn bei den anderen Städten gibt es teils grosse Zweifel am Modell der Herkunftsnachweise. So schreibt etwa der Gasversorger der Stadt Zürich, Energie 360 Grad, auf Anfrage von CH Media:

«Wir sind der Auffassung, dass der Einkauf von Herkunftsnachweisen zum heutigen Zeitpunkt nichts bringt.»

Der Grund: Dies ändere nichts an den internationalen Gasflüssen. Einerseits gebe es kein etabliertes System oder anerkanntes Register für Herkunftsnachweise. Überall in der Schweiz fliesse dasselbe Gas in den Leitungen wie in Zürich. Andererseits werde aufgrund der Herkunftsnachweise in der Nordsee auch nicht mehr Gas gefördert.

Was geschieht bei einer Gasmangellage?

Zudem würden die Herkunftsnachweise nichts bringen, wenn es zu einer Gasmangellage kommen sollte: «Bei einem Lieferunterbruch aus Russland steht nicht genügend Erdgas in den europäischen Transportleitungen zur Verfügung», schreibt Energie 360 Grad weiter. Das schreibt allerdings auch die Stadt Winterthur.

«Aufgrund der physikalischen Gegebenheiten im europäischen Gasnetz kann jedoch nicht gewährleistet werden, dass bei einem Lieferunterbruch aus Russland genügend Erdgas in den europäischen Transportleitungen zur Verfügung steht»

... heisst es dazu in der Winterthurer Mitteilung. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung erarbeite derzeit zusammen mit der Gasbranche und dem Verband der Schweizerischen Gasindustrie Massnahmen für einen möglichen Engpass.

Fakt ist: Der grösste Teil des in die Schweiz importierten Gases kommt aus Russland. Wie der Verband der Schweizer Gasindustrie auf seiner Website ausweist, lag der russische Anteil im letzten Jahr bei 43 Prozent. Mit 22 Prozent ist Norwegen der zweitgrösste Gaslieferant, dann folgt mit 19 Prozent die EU. Die restlichen 16 Prozent entfallen auf sonstige Länder.

St.Gallen hat Direktvertrag mit norwegischem Lieferanten abgeschlossen

Auch die Stadt St.Gallen schreibt auf Anfrage von CH Media: «Die Stadtwerke beschaffen das Gas an den europäischen Handelsplätzen. Da ist für uns nicht ersichtlich, woher das gehandelte Gas stammt.» Daher deklariere man den Anteil des russischen Gases anhand der für die Schweiz berechneten Werte. Bislang fehle ein anerkannter internationaler Gas-Herkunftsnachweis – einen solchen würde man im Sinne der Transparenz aber «sehr begrüssen».

Ähnlich antwortet auf Anfrage auch das Basler Energieunternehmen IWB. Oder das Luzerner Energieunternehmen:

«EWL fokussiert sich schon lange auf die Abkehr von importierten, nicht nachhaltigen Energieträgern.»

Und das nicht nicht nur wegen dem Kriegsausbruch in der Ukraine, sondern auch im Rahmen des Klimaschutzes. Sprich: Nachhaltige Energieträger würden «konsequent gefördert», um fossile Energien «Schritt für Schritt abzulösen».

Luzern interessiert sich für Winterthurer Lösung

Am Rheinknie wie auch in der Zentral- und Ostschweiz gibt es dennoch auch bereits Bestrebungen, den russischen Gasanteil zu reduzieren. So hat man etwa in St.Gallen für den nächsten Winter einen Direktvertrag mit einem norwegischen Gaslieferanten abgeschlossen. Dieser garantiere, dass ein Drittel der physischen Gaslieferungen aus Norwegen stammt.

Sowohl St.Gallen als auch der Zürcher Gasversorger Energie 360 Grad teilen mit, entscheidend seien die Bestrebungen der EU, den russischen Gasanteil zu senken, da die Schweiz keinen Direkthandel mit Russland pflegt. Die Stadt Zürich etwa «strebt seit längerem intensiv wirkungsvolle Massnahmen an, um vom russischen Gas wegzukommen».

Luzern wiederum interessiert sich auch für die Winterthurer Lösung. «Wir werden diese Möglichkeit prüfen», schreibt EWL.

Auch Bern setzt auf Herkunftsnachweise

Ähnlich klingt es aus Bern. Der Energiedienstleister Energie Wasser Bern lässt auf Anfrage von CH Media verlauten, man sei daran interessiert, möglichst viel Erdgas aus Norwegen, Frankreich, den Niederlanden und anderen Ländern wie den USA zu beziehen. Auf das Herkunftsland habe man aber keinen direkten Einfluss. Doch auch die Hauptstadt will künftig auf Gas-Herkunftsnachweise setzen: Ab dem 1. Oktober 2022 bis im September 2025 hat der Energiedienstleister Nachweise für die Nordsee gekauft.

Energie Wasser Bern ist an den Gasverbund Mittelland angeschlossen, ebenso wie die Energiedienstleister der Städte Biel, Thun, Basel, Solothurn, Olten und Neuenburg.