Leserbrief
Warum sind die Ärzte immer die Bösen?

Zum Kommentar «Ehrlichkeit und Weitsicht fehlen», Ausgabe vom 23. September

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Im Ganzen hat Anna Wanner recht mit ihrer Einschätzung bezüglich der trügerisch geschönten Zahlen zur Spitalfinanzierung. Allerdings störe ich mich sehr daran, dass man Spitäler und die Medizin allgemein in den Medien und Politdiskussionen immer auf die Chirurgie herunterbricht.

Von Boni für Ärzte ist die Rede, wenn sie mehr operieren und jedes grössere Spital bräuchte seine Bauchchirurgie. Bauchchirurgie ist kein Prestigegedanke, denn die chirurgische Gesellschaft hat bereits Massnahmen zur Konzentration der hochspezialisierten Medizin in die Zentren vorgenommen. Aber wohin geht man denn mit dem Darmverschluss, der dahinsiechenden Gallenblase, dem Blinddarm oder schmerzhaften Leistenbruch? Das ist Grundversorgung.

Bleiben wir beim Leistenbruch. Die Reparatur meiner Waschmaschine ist ein wesentlich lukrativeres Geschäft. Und dennoch ist es selbstverständlich, dass jemand operiert, der das kann und der alles dafür tun muss, um seine Qualität auf hohem Niveau zu halten. Ich bin es leid, dass wir Ärzte immer die Bösen sind, Körperverletzer und Kostentreiber. Nie werden andere Fachbereiche diskutiert oder hinterfragt, z. B. ob Medizintechnik wirklich so teuer sein muss oder warum es immer mehr Röntgeninstitute gibt. Niemand hinterfragt die Onkologie. Da wird es ethisch schwierig und kaum populär darüber zu reden. Es sind auch nicht die Patienten, die sich über unser Gesundheitssystem wirklich aufregen. Es sind die Politiker, die «Interessenverbände», die Santésuisse und nicht zuletzt die Medien. So herausfordernd und schwierig das Arbeitsumfeld speziell als selbstständiger Arzt geworden ist, umso mehr freut es einen, wenn man Patienten haben darf, die danken, dass man ihnen geholfen hat.

Dr. med. Kerstin Ott, Udligenswil