Leserbrief
«Eine bedenkliche sexistische Haltung»

«Diese Grossmutter wird neue Chefin der Welthandelsorganisation», Ausgabe vom 9. Februar

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Mit Befremden habe ich die Überschrift zum Artikel über die neue Generaldirektorin der WTO gelesen. Frau Ngozi Okonjo-Iweala (66) mag neu sein im Bereich Handelsfragen, aber ihr Schulsack mit einem Abschluss in Ökonomie in Harvard, ihre Erfahrung als Finanz- und Aussenministerin Nigerias und Vizechefin der Weltbank sind Qualifikation und Erfahrungen, die sich sehen lassen. Es ist beschämend und erniedrigend, diese Persönlichkeit auf den Begriff «diese Grossmutter» zu reduzieren. Mir ist noch nie eine ähnliche Bezeichnung für einen Mann begegnet, obschon immer wieder viel ältere Männer in hohe politische Positionen einsteigen.

Bea Sommer, Malters


Seit Wochen überbieten sich die Medien mit Artikeln über das 50-Jahr-Jubiläum des Stimm- und Wahlrechts für Frauen in der Schweiz. Was wurde nicht alles geschrieben über die Errungenschaften in rechtlicher Hinsicht, im Bildungswesen oder im Wirtschaftsleben.

Und dann dies: Die designierte Chefin der WTO, die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala, wird in der «Luzerner Zeitung» als «diese Grossmutter» bezeichnet. Sie wird auf ihre Rolle als Gebärerin reduziert, ja diffamiert. Mit 66 Jahren ist sie ein «Grosi», eine alte Frau, der man das Amt der Chefin der WHO nicht zutraut. Würde ein Mann mit gleichen Meriten und Ambitionen mit 66 Jahren als «dieser Grossvater» bezeichnet?

Doch damit nicht genug. Mit dem Hinweis, dass sie im Vorstand des Nachrichtenkurzdienstes Twitter sitzt, wird mit einem doppeldeutigen Unterton vermerkt, dass sie das Amt «kommunikativ problemlos meistern» werde. Das ist eine perfide, herablassende Bemerkung. Die NZZ beschreibt sie gleichentags als eine «energische Reformerin», die in Harvard Ökonomie studiert und 1981 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) promoviert hat. Sie war nigerianische Finanz- und Aussenministerin und leitende Direktorin bei der Weltbank. Doch auch die NZZ kann es nicht lassen, auf ihre Kleidung und ihren Familienstatus hinzuweisen. Sie sei vierfache Mutter, heisst es da, und zeige sich gerne «in farbenfrohen Kleidern mitsamt einem gleichfarbigen Kopftuch».

Die Berichterstattung über die Ernennung der Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala demaskiert eine bedenkliche sexistische Denkhaltung. Dass ein Titel wie der oben beschriebene in der LZ bei den Blattmachern durchging, offenbart, dass die Gleichstellung von Frau und Mann weiter weg ist, als wir es wahrhaben wollen, und Denkweisen alter Prägung noch immer weit verbreitet sind.

Judith Lauber, Kastanienbaum