Leserbrief
Anklage meiner Urgrosseltern

Ein Fingerzeig aus der Zukunft zurück in die Gegenwart

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Ich heisse Oskar und hatte am 23. August 2073 meinen 20. Geburtstag. In Feierlaune bin ich nicht; vielmehr mache ich mir Sorgen über unsere Zukunft und suche nach plausiblen Erklärungen, wie es zur aktuellen schwierigen Umweltsituation gekommen ist. Innerhalb meines kurzen Lebens wurden die Temperaturrekorde in unserem Land nun bereits zum dritten Mal gebrochen und es wurde ein Wert von 41,5 Grad Celsius erreicht. Trotz grosser einschneidender Massnahmen im Energiebereich haben wir es noch nicht geschafft, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu stabilisieren. Nach langem kontinuierlichen Anstieg der Lebenserwartung von uns Menschen ist diese innerhalb von 2 Generationen um nahezu 3 Jahre gesunken.

Das sind alarmierende Feststellungen, aber es zeichnet sich eine berechtigte Hoffnung ab für eine nachhaltige Verbesserung unserer Umweltbedingungen: Seit der Generation meiner Eltern sind wir uns bewusst, dass wir Menschen die Hauptverursacher unserer Klimaschädigungen sind. Wir schaffen es mittlerweile auch, einschneidende Gesetze und staatliche Regulierungen zu erlassen und sind bereit, uns einzuschränken und Verzicht zu üben! Die Anzahl Personenwagen in der Schweiz haben wir auf 2 Millionen etwa halbiert; ebenso wurde der Flugverkehr massiv verteuert und damit drastisch eingeschränkt. Auch die weiteren kritischen Bereiche wie Heizen und Ernährung haben wir geradezu revolutioniert. Wir sind dabei, neue, ehrlichere Werte für unser Leben zu definieren!

Und ihr, liebe Urgrosseltern? Was war für euch wichtig und wie habt ihr gelebt? Mir scheint, dass euer Glücksmassstab der Kontostand eures Bankguthabens sowie die Zunahme des BIP waren. Eure Unfähigkeit zum kleinen Alltagsglück habt ihr versucht zu kompensieren mit ausuferndem Konsum und ausgedehnten Weltreisen. Nach dem Moto: «Für uns reicht es schon noch» habt ihr die Tonne CO2, für welche ihr pro 5000 Flugkilometer verantwortlich wart, ganz einfach ignoriert. Eure Liebesbekundungen für die Enkel und Urenkel waren bloss heuchlerische Lippenbekenntnisse angesichts dessen, was ihr deren Lebensgrundlage, der Umwelt angetan habt. Bloss marginal habt ihr freiwillig auf Konsum verzichtet, zu Gunsten der Umwelt und es passt zu eurem Verhalten, dass ihr den Grossteil der Stilllegungskosten für eure AKWs unseren Generationen überlassen habt. Mit euren masslosen Effizienzsteigerungs-Prognosen im Energie- und Ressourcenbereich um Faktor 5 habt ihr euch vorgegaukelt, die Umweltprobleme in den Griff zu bekommen. Dabei wurde euch der Klimawandel mit dem Abschmelzen der Gletscher so klar und drastisch vor Augen geführt, dass es für euren ökologischen Raubbau keinerlei Entschuldigungen gibt.

Urgrosseltern – und alle, die um die Jahrtausendwende gelebt und die Politik mitbestimmt haben – in meiner jugendlichen Wut klage ich euch an für euren Egoismus und/oder eure Dummheit; für eure absolute Gleichgültigkeit uns nachkommenden Generationen gegenüber! Ihr habt die Kühe geschlachtet, von deren Milch wir leben wollten! Mit dreifachem Aufwand setzen wir nun alles daran, die Umweltschäden, welche ihr verursacht habt, zu reparieren. Unsere Urenkel werden eine lädierte Umwelt vorfinden; die Verantwortung dafür müssen wir nicht tragen.

Oskar, geb. 23. August 2053.

Bruno Riedo, Menzingen

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