Zwischenruf zum Unwort des Jahres
Neue Wortschöpfungen: Das Virus diktiert den Sprachgebrauch

Das Unwort des Jahres ist «Corona-Diktatur». Warum «Querdenker» die bessere Wahl gewesen wäre.

Raffael Schuppisser
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Ein Teilnehmer trägt bei einer Kundgebung der Initiative «Querdenken 711» in Stuttgart eine Warnweste mit der Aufschrift «Corona Diktatur stoppen».

Ein Teilnehmer trägt bei einer Kundgebung der Initiative «Querdenken 711» in Stuttgart eine Warnweste mit der Aufschrift «Corona Diktatur stoppen».

Keystone

Die Pandemie führte zu einer viralen Verbreitung neuer Wortschöpfungen. Insofern konnte die Jury bei der Wahl des Unworts des Jahres aus dem Vollen schöpfen. Eine naheliegende, aber zu einfache Wahl wäre «Social-Distancing» gewesen. Schliesslich haben wir schon lange bemerkt, dass wir diesen Begriff flächendeckend falsch verwenden: Menschen sollen nicht sozial, sondern physisch zueinander Distanz halten.

Die Jury hat sich anders entschieden - beziehungsweise gar nicht und dann erst noch falsch. Zum ersten Mal wurden nämlich gleich zwei Wörter gewählt: Die «Rückführungspatenschaft», ein Begriff aus der EU-Migrationspolitik, lässt uns in der Schweiz eher kalt, diskutieren wir doch über «Resettlement-Programme» (auch ein Unwort-Kandidat). «Corona-Diktatur», die zweite erste Wahl, ist mutlos – ihr hätte der Titel «Wort des Jahres» besser angestanden.

Skeptiker, Leugner, Demonstranten - oder einfach Ignoranten?

Der Begriff ist nämlich gar nicht so schlecht gewählt. Im Frühling wurden binnen weniger Tage langetablierte demokratische Prozesse abgeschafft, regiert wurde ohne Parlament per Notrecht. Und überhaupt, diktiert das Virus nun schon seit knapp einem Jahr unser Leben: ob im Homeoffice (auch ein Kandidat?) oder in den Ferien zu Hause. Die Jury aber findet den Begriff «inhuman», weil er «von on der selbst ernannten ‹Querdenker›-Bewegung gebraucht wird, um regierungspolitische Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu diskreditieren». Damit gibt die Jury dieser Bewegung zu viel Macht.

Ein schönes Unwort des Jahres liefert sie auch gleich in obiger Begründung mit. Es lautet «Querdenker». Bis vor Corona war das noch ein positiv konnotierter Begriff. Gemäss Duden ist damit eine Person gemeint, die «eigenständig und originell denkt». Der Ausdruck geht zurück auf den britischen Wissenschafter Edward de Bono, der dafür plädiert hat, Probleme v aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Das tun die sogenannten «Corona-Querdenker» eben gerade nicht; sie negieren ein Problem.

Man sollte sie deshalb nicht, wie es viele tun, Querdenker nennen. Wie aber dann? Corona-Leugner oder -Skeptiker oder -Demonstranten trifft es auch nicht; sie sprechen sich ja nicht gegen die Krankheit aus, sondern gegen die Massnahmen. Am besten passt wohl einfach: Ignoranten.

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