Wahlen
Warum die CVP brutal verloren hat

Die CVP hat im Aargau in den letzten Jahrzehnten massiv Wähleranteile verloren. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Hans Fahrländer
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Abstimmung an einer CVP-Delegiertenversammlung: Nicht einmal jeder zehnte Aargauer Wähler entschied sich bei den Wahlen noch für diese Partei. (Symbolbild)

Abstimmung an einer CVP-Delegiertenversammlung: Nicht einmal jeder zehnte Aargauer Wähler entschied sich bei den Wahlen noch für diese Partei. (Symbolbild)

Keystone

Eine Kolumne (oder Säule, lat. columna) ist eine patente journalistische Form. Ist man unten angelangt, ist Schluss. Das zwingt den Kolumnisten, sich kurzzufassen. Davon profitieren seine Leser. Mitunter aber reicht der Platz nicht. Zu viele Fragen bleiben offen. So war es am letzten Sonntag. Ich habe das Wahljahr Revue passieren lassen und den Krebsgang der CVP im Aargau thematisiert. Im Bezirk Muri etwa hat die Partei innert 40 Jahren 40 Prozent Wähleranteil verloren, im Kanton ist der Anteil unter 10 Prozent gerutscht. Das schreit nach einer Erklärung: Warum ist das so? Es ist wieder Sonntag – also: Fortsetzung.

Für den Schrumpfungsprozess der CVP (vor 30 Jahren besetzte sie noch vier Nationalrats- und einen Ständeratssitz) gibt es viele Gründe – hier nur die drei wichtigsten. Der erste wurzelt im Bedeutungsverlust der (katholischen) Kirche und Religion. Auch wenn die C-Bannerträger stets wiederholen, sie seien von der Kirche unabhängig – die Partei wird mit ihr in Verbindung gebracht. Wobei es auf die Generation ankommt: Ältere finden, die CVP habe sich zu weit von der Kirchenmauer entfernt, Jüngere monieren, sie politisiere immer noch zu nahe an dieser Mauer.

Der zweite Grund ist die immer wieder zur Schau getragene Uneinigkeit. «Es wird intern viel gestritten. Das ist an sich nicht schlecht. Aber der Streit sollte zu vernünftigen Lösungen führen, die dann von allen vertreten werden.» Diese Sätze stammen nicht von einem CVP-Kritiker, sondern von ihrem Doyen, dem 90-jährigen Julius Binder. Er sagte sie vor einiger Zeit in einem Interview. Und auch dies sagte Binder: «Der Absturz ist brutal und zum Teil selbst verschuldet. Die CVP Aargau war sich zu oft nicht einig.»

Beim dritten Grund ist die CVP mehr Opfer als Täter. Sie politisiert in aller Regel unaufgeregt, differenziert, sucht den tragfähigen Kompromiss (das ausgelutschte Wort «lösungsorientiert» sei hier vermieden, es ist das Unwort des Wahljahres). Deshalb hören ihr immer weniger zu. Denn heute dominieren die Lärmigen. Differenzierung ist out, Schlagwortdreschen ist in. Nach Bern gewählt werden Zyniker und Provokateure. Auch dies ist eine Bilanz des Wahljahres 2015.

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