Dohner
Spielt Gott an der Netzkante?

Eine Hommage an Roger Federer mit Blick auf sein Geheimnis, das er nicht verraten kann.

Max Dohner
Max Dohner
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Wo gäbe es heute noch ästhetischen Genuss, ohne dass man Museen aufsuchen müsste oder einen Wald, eine Aue zeitlebens nie mehr verlassen möchte?

Wir drehen uns um die eigene Achse: Wie deprimierend, was Shopping, Verhüslisierung und Logistik auf die Wiese gestellt haben! Aber die Abläufe stimmen, alles ist so praktisch. Ästhetisch bewegt sich die Gegenwart mittlerweile auf dem Niveau Geschirr-Rückgabestation im Schnellimbiss: voller Nutzen, ein Klacks Dekor. Im öffentlichen Raum werden wir abgefertigt.

Eine Option für die Kunst bleibt, überraschend, der Sport ... Natürlich nicht Sport als Ganzes; der wirkt wie eine Gespenster-Gymnaestrada am Schlund allen Tuns. Aber Tennis ... Natürlich nicht dieses Testosteron-Dreschen des Balls nach neurotischem Fingern und Zupfen im Schritt. Nur einer spielt die Option Kunst, Roger Federer. Er sei «wieder da», «runderneuert», heisst es, spätestens nach Schanghai. War er je weg? Wie gegenwärtig ist er uns gerade dort, wo wir ihn entbehren! Wo ein Turnier sinnlos wird, wenn es unter tausend Scheinwerfern über Nacht dunkel wird, sobald Federer ausgeschieden ist. Zum Gähnen, wer dann gewinnt. Einen Turniersieger Federer brauchts nicht zwingend zu unserem Glück. Einen Sieg Rogers empfinden wir nie als brüllend chauvinistischen Triumph, sondern still nichts als gerecht; Niederlagen nehmen wir als unverdient hin, wiederum ohne laute Empörung, nur mit Melancholie.

Bei Federer scheitert man mit Registerarien zu Rekorden. Das Phänomen wird begraben unterm Zahlenberg. Es fehlt die Musik, anders als bei der Registerarie im Don Giovanni. Nicht Statistik spielt hier grosse Oper, sondern er, der Maestro. Baute Federer in Valbella oder Herrliberg einen Pokaltempel, man wünschte nicht, dorthin zu pilgern. Verwirrt beträte man den Schrein, enttäuscht, dass ein Maestro poliertes Blech für klangvoll hält. Vor Jahren sagte Roger mal, er denke durchaus an Geschichte bei der Serie seiner Triumphe. Heute scheint er nicht mehr erpicht darauf, sie heruntergeratscht zu bekommen. Auf Buchhaltung verzichtet er wohl kaum, weiss sie aber bei Zahlennarren in guten Händen. Verblüffend ist die Genauigkeit, mit der Federer entscheidende Ballwechsel selbst lang zurückliegender Partien nacherzählt, bis zur Richtung des Windes, der damals wehte. Wie es aber zum betreffenden Zauberball gekommen war – da ist auch Federer meist sprachlos. «Unglaublich» ist seine Paradeausflucht.

Hymnen ohne Zahl wurden über Roger Federer verfasst, weil Zahlen nichts brachten ausser einem Haufen welken Laubs. Es sind meisterlich bis ungelenk trunkene Stilübungen zum «Geheimnis», zum «Mysterium», zu Federers «Bewegungsgenie» oder «Trance». Sein Tennis bekam eine Aura wie das Pfeilbogenschiessen bei Zen-Buddhisten. Häufig variieren die Sätze einen Gedanken, den der amerikanische Schriftsteller John Updike mal dem perfekten Schlag eines Golfers widmete: «Ein Gottesbeweis».

Hymnen sind längst ein eigenes Genre in der Federer-Berichterstattung geworden. Eine Art Stechen für Edelfedern, egal ob sportsaffin oder nicht. Daran wollen wir uns in keiner Weise beteiligen und können versichern: Auch diese Bemerkung ist frei von Koketterie. Seit Jahren sehen wir uns jedes Spiel von Federer an – und staunen wie am ersten Tag. Mehr wissen wir nicht. Fast alle Experten haben wir gehört und ihnen verziehen, wenn sie sich kläglich wiederholten. Wir haben oft auch Federer selbst zugehört und zweifeln, ob er am Ende der tauglichere Experte wäre, um uns sein «Geheimnis zu verraten». Federer redet übers Training, erläutert das organisatorische Uhrwerk seiner Reisen, weiss faszinierend klar Bescheid über alles, was er macht. Ist dann aber die Rede vom «Match Point», vom Schicksalsmoment, wo der Ball an die Netzkante klatscht oder knapp darübersaust zu Spiel, Satz und Sieg, nähern wir uns diesem Spin zwischen Drama und Erlösung – da sagt Federer bloss: «Ein bisschen Glück gehört dazu.»

Herrje – es hilft nichts, Roger sich selbst erklären zu lassen! Irgendwie ist er nur das ausführende Organ im Spiel, eine Art Ganzkörper-Racket. Zu Roger wird er ganz erst auf dem Platz. Sein Tennis ist Kunst, keine Anleitung, wie Glück und Unglück mit uns spielen. Trotzdem werden wir unseren Enkeln dereinst sagen: «Ihr Ärmsten, ihr wirkt so ausgenüchtert, so entwöhnt von allem. Wir haben noch Federer spielen sehen!»