Analyse
Mobilität und Sojabohnen

Der Verkehr in der Schweiz wächst und wächst - sowohl auf der Strasse wie auch am Himmel. Eine Analyse.

Hans Fahrländer
Hans Fahrländer
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Wegen dieses Lastwagens, der seine Ladung Sojabohnen verlor, kam es zu einem 25-Kilometer-Stau.

Wegen dieses Lastwagens, der seine Ladung Sojabohnen verlor, kam es zu einem 25-Kilometer-Stau.

Es ist schon verrückt. Ein ausgefahrener Baggerarm oder eine Ladung Sojabohnen genügen, um das halbe Mittelland lahmzulegen. Das System ist derart voll und deshalb derart labil, dass ein kleiner Rumpler genügt, um es zum Stillstand zu bringen. Der motorisierte Individualverkehr hat sich seit 1960 verfünffacht.

Die politischen Antworten darauf sind stereotyp: Die Rechte fordert den Ausbau der Strassenkapazität, damit sich weniger Staus bilden, die Linke fordert den Abbruch des Ausbaus, weil breitere Strassen noch mehr Verkehr anziehen. Der Mobilitätswahn setzt sich auch am Himmel und im Wasser fort.

Es gibt immer mehr Billigairlines mit immer weniger Beinfreiheit, die Preise für die Reise erodieren, das Flugbenzin ist immer noch kaum besteuert. Auf den Meeren schwimmen halbe Städte, das Kreuzfahren, früher ein exquisites Amüsement für Betuchte, ist zum Massenvergnügen geworden. Ein mit Schweröl angetriebener Cruiseliner verschmutzt übrigens die Umwelt gleich stark wie 5 Millionen Autos.

Was läuft da eigentlich ab? Nicht nur die zurückgelegten Kilometer gehen in die Millionen, sondern auch die Erklärungsversuche. Natürlich, es gibt immer mehr Menschen, sie werden immer älter und bleiben länger mobil.

Natürlich spielt auch der verbreiterte Wohlstand eine Rolle, früher konnten es sich viele nicht leisten, umherzugondeln. Und natürlich: die Globalisierung. Die Zeiten, da ein Dorf seinen Bewohnern Arbeit, Auskommen und ausreichende Versorgung garantierte, sind längst vorbei. Indes, zurück zu Armut und früherem Tod wollen wir nicht, zurück zur autarken Versorgung können wir nicht.

Vom freiwilligen und vom unfreiwilligen Umhergondeln

Mit Vorteil unterscheiden wir mal zwischen Berufs- und Geschäftsverkehr auf der einen sowie Einkaufs-, Freizeit und Ferienverkehr auf der anderen Seite. Um den ersten zu reduzieren, müssten wir die Siedlungsplanung revolutionieren, versuchen, die Funktionen Wohnen und Arbeiten wieder näher zueinander zu bringen. Im Moment scheint das schwierig zu sein, in den Zentren, wo die Arbeitsplätze sich ballen, ist das Wohnen teuer. Um die immer noch steigende Pendlerkurve zu brechen, brauchen wir einen langen politischen Schnauf. Vielleicht sollten wir es doch einmal mit diesem home working versuchen. Wer zu Hause arbeitet, fährt nicht. Aber was ist eigentlich mit dem anderen, mit dem freiwilligen Umhergondeln? Von Triengen mal schnell nach Tiengen fahren zum Einkauf. Am Wochenende von Zürich nach Laax blochen, um die freie Bergwelt zu geniessen. Und für die Ferien ist grad Vietnam in oder Burma, Peru oder Ecuador. Schön ist es auch anderswo, hier bin ich ja sowieso, wusste schon Wilhelm Busch. Was ist das für ein Gen, das den Menschen, zumindest jenen in den «zivilisierten» Ländern, in der Moderne eingepflanzt worden ist?

Das wichtigste handlungsleitende Axiom lautet: Wenn etwas machbar ist, machen wir es. Die technischen Voraussetzungen sind da, ich kann es mir leisten, warum also soll ich nicht fahren und fliegen? Mobilität als Grundrecht. Wer an den Segnungen der Zivilisation teilhaben will, muss sich bewegen, an der eigenen Strasse ist nicht alles zu bekommen, soziale Mobilität ist ohne räumliche Mobilität nicht zu haben. Ist der Hunger erst mal gestillt, kommt der Erlebnishunger. Schneller, höher, weiter. «Ferne» gilt als Kriterium per se für einen erfolgversprechenden Aufenthalt. Schliesslich war der Nachbar auch schon dort. Mobilität als Ausdruck von Sozialprestige. Zwar kenne ich in der Nähe längst nicht alles, aber was soll ich im Allgäu.

Politisch motivierte Umerziehungsprogramme funktionieren nicht

Braucht es zuerst den Infarkt, bevor wir umdenken, die geistige Mobilität wieder höher stellen als die räumliche? Die nächsten 20 Jahre werden wir noch über Roadpricing, Radwegnetze und vielleicht doch Abgaben auf Kerosin diskutieren. Und dann merken wir vielleicht, dass wir mit der unbegrenzten Mobilität an dem berühmten Ast sägen, auf dem wir selber sitzen. Die Moralkeule nützt allerdings gar nichts. Politisch motivierte Umerziehungsprogramme funktionieren in der freien Gesellschaft nicht. Wir müssen selber merken, dass die rasende Jagd nach Glück auf der Autobahn oder im Flugzeug selten zum anvisierten Ziel führt. Deshalb endet auch diese Analyse nicht mit einem Appell. Und überhaupt, zuerst wollen wir mal noch ausloten, was möglich ist und was wir vermögen.

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