Schrottklang überall
Liebhaber der Stille als Ruhestörer

Im Shop, im Lift, in der Beiz muss man Passivhören hinnehmen wie ein Schicksal

Max Dohner
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Vögel in der Stille des Abendhimmels. Narendra Shresta/key.

Vögel in der Stille des Abendhimmels. Narendra Shresta/key.

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Was andere aktiv tun, kann uns passiv belästigen. In verschiedenen Formen. Über einen Teilaspekt haben wir dieses Jahr sogar abgestimmt – über das sogenannte Passivrauchen. Der Begriff wurde zum sprachlichen Allgemeingut und betrifft doch nur eine Minderheit.

Völlig unbekannt hingegen ist ein Wort, das jeden betrifft: das Passivhören. Dagegen gibts keinen Protest, nur selten Empörung, keine Initiative. Nicht einmal die Ohren können wir davor verschliessen, das schmerzhafteste Element dieser Alltagsfolter. Vereinzelt bloss kämpfen Allergiker dagegen an. Und weil das Allergiker sind, die sich diese Diagnose meist selber geben, werden sie von allen anderen erst recht für ausgemachte Narren gehalten.

Dabei handelt es sich tatsächlich um ein allgemeines Leiden. Um eine im Grunde unglaubliche Taktlosigkeit. Mindestens um einen unerklärlichen Mangel an Vorstellungskraft für das Befinden des Mitmenschen. Hauptthema heute ist die Stille. Darum müssen wir hier unbedingt auch vom Gegenteil sprechen. Nicht vom Seltenen, nicht vom Luxus Stille. Sondern vom Verbreiteten, vom Ordinären. Wir reden von dem, was Stille beeinträchtigt – täglich, stündlich –, was die Stille zerschlägt in tausend Splitter und mithin auch das, wofür Stille steht in allen Epochen und Kulturen: für einen Spiegel der Seele.

Flachklang erschallt überall. Eine schreiend einfältige Klangjauche quillt aus allen zivilisatorischen Poren: im Warenhauslift, am Flughafen, in der Unterführung, in jedem Restaurant, aus jedem Shop angesagter Lumpen. Beim Coiffeur, am See unter Platanen, sogar beim Zahnarzt. Neulich bat ich da, alle Lautsprecher und TV-Screens abzuschalten – Stille sei heilsamer in der Qual als doppeltes Bohren auch in den Ohren.

Die Assistentin schaute mich an mit grossen Augen – damit hatte ich gerechnet: Wer keine akustische Ohrfeige wünscht, wer «Berieselung» als Beleidigung empfindet, gilt als Quasiverrückter, als Nervenkranker (dabei erweisen sich eben diese Nerven doch als fein genug). Baff machte mich erst, was die Assistentin zur Entschuldigung sagte: «Wir können das nicht abschalten. Das wird vom Chef so diktiert.» Dann schwieg sie, augenscheinlich wegen eines erst hier entdeckten Umstandes: Sie selber stand jeden Tag acht Stunden ja ebenfalls ungefragt unter der Zwangsglocke dieser Beschallung oder Beschmutzung.

so ist es immer: Passivhören wird irgendwie unter Schicksal abgebucht. Man gönnt keinem eine Pause, um einmal Atem zu schöpfen, um die malträtierten Ohren zu schonen und das Hirn wieder mal für eine köstliche Weile seinem zauberhaften Schlafwandeln zu überlassen. Diesem Drehen und Schweben, das so manche Gestalten und Ideen wecken kann. Doch die einzige Reaktion darauf ist Achselzucken: «Man kann ja nichts tun ...» Oder: «Die anderen Gäste wünschen das.» Oder: «Untersuchungen haben ergeben, dass ...»

Welche Untersuchungen? Dass Kühe mit Mozart mehr Milch geben? Kühe! Und vor allem: Mozart! Sogar Rindviecher scheinen anspruchsvoller oder verständiger als Zweibeiner. Auf diese unseligen Muzak-Untersuchungen berufen sich alle, die hinterm Tresen oder im Büro der Shoppingmeile an einem Rauschpegel-Hebel sitzen und kein Schwein fragen, ob ihm das, was sie an akustischem Schrott und Schwachsinn verbreiten, auch zuträglich ist. Ohren haben keinen Gaumen, Ohren müssen alles fressen. Wer sich beschwert, wird entfernt wie ein Ladendieb. Plötzlich sind Liebhaber der Stille die eigentlichen Ruhestörer.

Lärmschutz ist im Gesetz verankert. Überall zieht man raffiniert ertüftelte Schluckwände hoch, gegen Flugzeuge, Autos und Bahnen. Man walzt «Flüsterbelag» aus und verbietet alte kreischende Güterachsen. Und erhöht, parallel dazu, die Dauer-Kontamination mit Gelaber und Schrott, zu dem alle «Information» und «Musik» sagen müssen. Mit dem Ergebnis, dass der Zeitgenosse zwischen Schallschutz-Wänden, hinter denen er keine Welt mehr sieht, der Dauerbelastung mit akustischem Müll nicht mehr entrinnen kann.

Ist das Schicksal? Man soll dem alten Schicksal nicht jede moderne Dummheit in die Schuhe schieben.

Die Allzeit-Berieselung hat keinen Allzweck, nur einen: Wir sollen so schusselig, zerstreut und geistzerfleddert werden, dass wir keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Und besinnungslos am Wühltisch des Konsums nach immer mehr grapschen, das wir weder brauchen noch wünschen. Nicht jeder ruhig gefasste Gedanke ist auch vernünftig. Aber die Gefahr der Vernunft nimmt erheblich zu bei etwas Ruhe. Die Sterne, zum Beispiel, dudeln nicht. Am Ende erfasst den Sterblichen in der Stille wohl sogar etwas wie heiliges Erschauern.

Drum singen wir heute: «Stille Nacht, Heilige Nacht.» Wir könnten auch murren: «Keine Stille, dann gute Nacht.»