Kommentar
Zurückhaltend intervenieren, zurückhaltend kritisieren

Der VAR hat sich in der Super League nach zwei Jahren etabliert. Es wäre unsinnig die technischen Möglichkeiten nicht zu nutzen. Dennoch braucht es Zurückhaltung, bei den Schiedsrichtern und den Fans.

Ralf Streule
Ralf Streule
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Wenn der Schiedsrichter auf den Bildschirm sieht, muss das Spiel warten.

Wenn der Schiedsrichter auf den Bildschirm sieht, muss das Spiel warten.

Pascal Muller/Freshfocus

Als Fussballnostalgiker möchte man ja nicht für den Videoschiedsrichter sein. Fehlentscheide wie jener, als Diego Armando Maradona an der WM 1986 per «Hand Gottes» gegen England traf, haben einen geprägt. Fussball muss ein analoges Spiel bleiben, mit einem Schiedsrichter, der auch mal intuitiv, herz- und fehlerhaft entscheidet.

Als VAR-Skeptiker hat man sich deshalb seit der Einführung 2019 Argumente zurechtgelegt: Das Fingerspitzengefühl der Schiedsrichter wird ausgehebelt, zum Beispiel dann, wenn er in einer möglichen Foulsituation intuitiv weiterspielen lässt, sich aber vom VAR sagen lassen muss: «Da war ein Kontakt!» Da ist der jähe Unterbruch von mitunter ekstatischem Torjubel und die Warterei auf einen Entscheid. In der Summe ist der Preis zu hoch für die wenigen richtiggebogenen Schiedsrichterfehler. So denkt man.

Bis man sich durch die Entscheide in der Super League der vergangenen zwei Jahre durcharbeitet: Alle paar Runden ein klarer Offside-Fehlentscheid mit Torfolgen! Alle paar Runden ein klares, zunächst übersehenes Hands im Strafraum! Auch wenn viele diskussionswürdige Entscheide mit dabei waren: Die Summe der vielen aufgedeckten klaren Fehler stimmt auch den Nostalgiker wohlwollend.

Nun könnte man argumentieren, dass ohne VAR nur wenige Spiele anders ausgegangen wären, dass sich vieles über eine Saison hinweg wieder ausgleicht. Doch in einer Zeit, in der Fans innert Sekunden Entscheide auf dem Smartphone selber überprüfen können, wäre es unsinnig, die technischen Möglichkeiten nicht zu nutzen. Und sollte dereinst ein kapitaler Fehlentscheid ein Team zum Absteiger machen, wäre der Ruf nach VAR-Gerechtigkeit weit grösser als jener nach Fussballnostalgie. Der VAR in der Super League verdient deshalb Unterstützung, zumal die Verantwortlichen offen kommunizieren, Fehler gewissenhaft analysieren. Schiedsrichterchef Daniel Wermelinger propagiert Zurückhaltung bei Interventionen. Das ist richtig so: Was für den Schiedsrichter gilt, gilt auch für den VAR. Je seltener und punktueller er zu spüren ist, desto besser.

Zurückhaltung braucht es aber auch beim kritischen Fan, sollte bald wieder ein zweifelhafter Entscheid fallen. Ein wenig Nachsicht ist angebracht – das hat der Fussballnostalgiker schliesslich über die Jahre bei Schiedsrichter-Fehlern prima gelernt.

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