Kommentar
Der Schmerz dieser Niederlage wird die Entwicklung der Schweizer Handballerinnen weiter beschleunigen

Das Frauen-Handball-Nationalteam verpasst gegen Tschechien die erstmalige WM-Qualifikation. Trotz der 22:28-Niederlage im WM-Playoff-Rückspiel ist die Leistung gegen die Osteuropäerinnen positiv zu bewerten.

Ives Bruggmann
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Dimitra Hess, Charlotte Kähr und Lisa Frey (von links) verlassen enttäuscht das Feld.

Dimitra Hess, Charlotte Kähr und Lisa Frey (von links) verlassen enttäuscht das Feld.

Benjamin Soland/Freshfocus

Noch nie waren die Handballerinnen des Schweizer Nationalteams so nahe dran an einer Endrundenteilnahme. Das 27:27-Unentschieden im Playoff-Hinspiel bei den deutlichen Favoritinnen aus Tschechien war wohl die beste Leistung und historisch gesehen der grösste Erfolg überhaupt. Er liess die Handballerinnen gar von der Sensation träumen. Mit einer ähnlich starken Vorstellung hätte die Schweiz vor 100 Zuschauern in Gümligen die WM-Teilnahme perfekt machen können.

Doch die Tschechinnen schalteten im Playoff-Rückspiel einen Gang höher. Marketa Jerabkova – eine Spielerin mit dem Prädikat Weltklasse – erzielte allein 15 Treffer. Auch in der Deckung legten die Osteuropäerinnen eine härtere Gangart an den Tag. Auf der anderen Seite zeigten die Schweizerinnen vor allem in der Offensive Nerven. Die Wurfwahl entsprach nicht immer den Vorgaben des Trainers. Die Enttäuschung nach der 22:28-Niederlage war gross. Doch die Tränen werden rasch trocknen. Diese schmerzhafte Erfahrung wird die Entwicklung dieser Equipe nur noch weiter beschleunigen.

Martin Albertsen, der Baumeister des Schweizer Nationalteams der Frauen.

Martin Albertsen, der Baumeister des Schweizer Nationalteams der Frauen.

Anthony Anex / KEYSTONE

Denn es darf nicht vergessen werden, woher die Schweizerinnen kommen. Weder an einer EM noch an einer WM haben sie je teilgenommen. Gegen Tschechien waren sie krasse Aussenseiterinnen. Ein Beispiel: Vor einem Jahr unterlag die Schweiz im WM-Playoff Dänemark mit dem Gesamtergebnis von 36:61.

Dennoch kommen die Leistungen des aktuellen Teams nicht überraschend. Im Jahr 2016 war es der Schweizerische Handballverband (SHV), der entschieden hat, massiv in den Frauenhandball zu investieren. Im Herbst 2018 trat die ehemalige Nationalspielerin Karin Weigelt das Mandat an, eine Handballakademie für angehende Spitzenspielerinnen zu schaffen. Seit Sommer 2020 ist diese Realität. Im OYM in Cham trainieren ein Dutzend junge Frauen unter der Anleitung des Cheftrainers Martin Albertsen.

Der 47-jährige Däne ist der Baumeister der positiven Entwicklung des Frauennationalteams. Seit Februar 2018 ist er im Amt. Albertsen betreute damals noch hauptberuflich das Bundesligateam Bietigheim. Nun steckt der Däne seine ganze Energie in das Projekt Heim-EM 2024. Als Nationaltrainer und als Cheftrainer der Handballakademie in Personalunion.

Waren es die Schweizer Handballerinnen früher gewohnt, auf internationalem Parkett (deutlich) zu verlieren, so hat sich das Blatt mit der Ankunft Albertsens geändert. Die Entwicklung geht einher mit einer neuen Siegerinnenmentalität und der schon vor der Akademie intensivierten Ausbildung der Handballerinnen. So verdienen aktuell acht Nationalspielerinnen im Ausland ihr Geld als Profis. Das sind mehr als bei den Männern. Als Beispiel sei die Zürcherin Kerstin Kündig genannt. Nach abgeschlossenem ETH-Masterstudium setzt sie seit dieser Saison voll auf Handball. Die beim Thüringer HC in der Bundesliga angeeignete internationale Härte macht die 27-jährige Regisseurin für das Nationalteam noch unverzichtbarer als sie es ohnehin schon gewesen ist.

Und die nächste hoffnungsvolle Generation steht bereits in den Startlöchern. Die Zukunft im Schweizer Frauenhandball sieht rosig aus.