Kampf gegen Ebola
Es ist zu früh für eine Entwarnung

Die Zahl der Ebola-Infektionen ist in den letzten Monaten in den betroffenen afrikanischen Ländern gesunken. Die Schulen werden nach Monaten wieder geöffnet. Doch vor zu viel Optimismus wird gewarnt.

Markus Schönherr
Markus Schönherr
Merken
Drucken
Teilen
In den letzten Monaten ist die Zahl der neuen Ebola-Infektionen zwar gesunken. Doch Experten warnen vor zu viel Optimismus. (Symbolbild)

In den letzten Monaten ist die Zahl der neuen Ebola-Infektionen zwar gesunken. Doch Experten warnen vor zu viel Optimismus. (Symbolbild)

Keystone

Keine neuen Infektionen innerhalb der nächsten 60 Tage: Dieses Ziel steckten sich die Präsidenten von Sierra Leone, Guinea und Liberia am Sonntag bei einem Gipfel in der guineischen Hauptstadt Conakry. Die drei Länder sind am stärksten von der Seuche betroffen. Jetzt soll die Epidemie, die bisher mehr als 9200 Menschen tötete und Westafrika in den letzten 14 Monaten auf die Probe stellte, bis April ausgemerzt werden. In den letzten Monaten ist die Zahl der neuen Ebola-Infektionen zwar gesunken. Doch Experten warnen vor zu viel Optimismus.

Es ist das deutlichste Zeichen, dass sich eine Krise ihrem Ende nähert: Das Kinderlachen in den Strassen und Schulhöfen von Monrovia. In der Hauptstadt Liberias und in weiten Teilen des Landes haben die Schulen nach einer Zwangspause wieder den Unterricht aufgenommen. Sieben Monate lang mussten Schüler zu Hause bleiben, um Ansteckungen zu verhindern. In den meisten Klassenräumen sassen die Lernenden am Boden. Die Schulbänke mussten wegen der Infektionsgefahr verbrannt werden. Auch der beissende Geruch von Chlor, mit dem die Wände desinfiziert wurden, begleitet den Unterricht.

In Sierra Leone und Guinea ist die Seuche wieder auf dem Vormarsch

Dennoch feiern Liberia und sein Nachbar Guinea die Wiedereröffnung ihrer Schulen als Sieg. «Wir erkennen die Anstrengungen unserer Staaten und der internationalen Gemeinschaft an, die zu einem Rückgang der Ebola-Infizierten und der Todesfälle geführt haben», so die Staatsoberhäupter in einem gemeinsamen Brief. Laut Ismail Ould Cheikh Ahmed, dem Leiter der UNO-Notfallkoordination gegen Ebola, haben die drei am stärksten betroffenen Länder seit dem Gipfel der Seuche im Oktober grosse Fortschritte gemacht: «Das schlimmste Desasterszenario scheint heute weit entfernt.» Habe man am Höhepunkt der Krankheit knapp 1000 Neuinfizierte pro Woche gezählt, so sei die Zahl letzte Woche auf 145 geschrumpft.

Allerdings sei es für eine Entwarnung noch zu früh, meint der ehemalige UNO-Abgeordnete für Libyen. «Trotz dem entscheidenden Rückgang müssen wir uns daran erinnern, dass alles mit einem einzigen Fall begann. Der Kampf gegen andere Krankheiten wie Kinderlähmung hat uns gezeigt, dass es einfacher ist, von hundert auf zehn Fälle hinunterzuklettern als von zehn auf null.» Geht es nach der Weltgesundheitsorganisation WHO, so bleibt Ebola vor allem für Sierra Leone und Guinea weiterhin ein Risiko. Obwohl die Langzeitstatistik einen Rückgang aufzeige, sei die vernichtende Seuche hier in den letzten Wochen wieder auf dem Vormarsch. So verhängte die Regierung in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, letzte Woche erneut eine Massenquarantäne: Mehr als 700 Familien im Fischerort Aberden dürfen in den nächsten drei Wochen ihre Häuser nicht verlassen, nachdem ein Bewohner positiv auf Ebola getestet wurde.

Sierra Leone reagiert vorsichtiger als seine Nachbarn auf den Rückgang der Neuinfektionen. Seine Schulen will Präsident Ernest Koroma frühestens Ende März wieder öffnen. Auch in Liberia herrschte gestern noch Skepsis. So ignorierten etliche Privatschulen den Aufruf der Regierung und kündigten ebenfalls an, ihre Tore erst nächsten Monat wieder für Schüler zu öffnen. Es herrscht Angst vor übereilten Entscheidungen. Einige Analysten betrachten auch US-Präsident Barack Obamas Entscheidung als vorschnell, den Grossteil der US-Hilfstruppen abzuziehen. 2800 US-Soldaten waren zur Hochzeit der Krise in Westafrika stationiert. Bis Ende April sollen alle bis auf 100 abgezogen werden.

Helfer werden von wütenden Einheimischen verjagt

Unterdessen wird der Kampf gegen die Jahrhundertseuche von Überfällen und Anschlägen auf die Hilfstrupps überschattet. Ein Jahr nach dem Ausbruch des Ebola-Virus kursiert in abgelegenen Regionen immer noch das Gerücht, die Helfer in Schutzanzügen hätten die Krankheit erst eingeschleppt. Bis zu zehnmal pro Monat würden die Helfer angegriffen oder verjagt, berichtet das Rote Kreuz in Guinea. Hinzu kommt ein durch Bürgerkrieg und Armut extrem geschwächtes Gesundheitssystem. Sierra Leones Regierung hat nun sogenannten Geisterarbeitern den Kampf angesagt – korrupten Beamten, die das Gehalt eines Ebola-Helfers kassieren, die Krankheit aber nur auf dem Papier bekämpfen.