Die Kolumne am Freitag
Achtung, die Gefahr ist vorbei

Neulich, unterwegs auf der deutschen Autobahn, brach die Dudelmusik aus dem Radio plötzlich ab.

Max Dohner
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Wohin wollen sie denn gehen?

Wohin wollen sie denn gehen?

«Achtung!», hiess es im Radio, «auf der
A 81, zwischen Böblingen und Stuttgart, Fahrtrichtung Stuttgart, kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen. Fahren Sie vorsichtig. Bleiben Sie strikt auf der rechten Fahrspur.»

«Falschfahrer» – niedlich, dachte ich. Das in der Schweiz gebräuchliche Wort «Geisterfahrer» ist makabrer, trifft die Sache aber wohl genauer. Exakt auf dem besagten Abschnitt war auch ich unterwegs. Sofort nach der Durchsage legte sich der Kopf eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zurecht, die von kinderleichter Logik war, aber auch eiskalt: Die Wahrscheinlichkeit, dass der «Falschfahrer» ohne fatale Folge aus dem Verkehr gezogen werden konnte, war klein, bei dem vielen Verkehr. Also schoss in den nächsten Minuten oder Sekunden einer den Vogel ab. Ein Zufälliger. Einer, der nichts dafür und nichts dagegen tun konnte. Und büsste das wahrscheinlich sehr, zahlte für diese lächerliche gespenstische Koinzidenz. Womöglich ich. Wie beim russischen Roulette: Ein Auto hier war das tödliche Geschoss.

Wenig später blendete die Dudelmusik abermals aus: «Achtung, auf der A 81, zwischen Böblingen und Stuttgart – Falschfahrer: Die Gefahr ist vorbei.» Augenblicklich zerstob das Risikokalkül im Kopf, und der Fuss drückte wieder aufs Gas. Auf der Autobahn herrschte sofort wieder der normale Wahnsinn, Tobsucht, Raserei. Der Rausch des Tempos, ohne Limit in Deutschland, den auch Schweizer geniessen, zumal in ihren meist flotten Schlitten.

Am anderen Morgen schlug ich die Zeitung auf. Eine Kurzmeldung erklärte, wie am Tag zuvor die Gefahr gebannt worden war. Vorbei war es mit zwei Leben. Mit dem Leben des 80-jährigen Geisterfahrers. Und mit dem Leben eines halb so alten, zufälligen Opfers der Kollision.

In Deutschland wurde gerade wieder mal die Frage aufgeworfen, die Geschwindigkeit zu beschränken auf der Autobahn. Sofort heulten alle Motorengangs auf: Freie Fahrt oder Tod!