Fremdspracheninitiative am 21. Mai
Zwei Fremdsprachen als Chance

Matthias Scharrer
Matthias Scharrer
Merken
Drucken
Teilen
Matthias Scharrer: «Es wäre verfrüht, den Fremdsprachenunterricht, wie jetzt an den Primarschulen praktiziert wird, auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen.» (Archivbild)

Matthias Scharrer: «Es wäre verfrüht, den Fremdsprachenunterricht, wie jetzt an den Primarschulen praktiziert wird, auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen.» (Archivbild)

Keystone/CHRISTIAN BEUTLER

Der Aufwand für den Englisch- und Französischunterricht in der Primarschule stehe in keinem Verhältnis zum Ertrag, findet eine grosse Mehrheit im Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV). Der ZLV hat daher die Volksinitiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache an der Primarschule» lanciert, über die am 21. Mai im Kanton Zürich abgestimmt wird.

Falls das Stimmvolk sie annähme, dürfte künftig an Zürcher Primarschulen nur noch eine Fremdsprache unterrichtet werden. Welche, hat der Regierungsrat bereits klargemacht: Frühfranzösisch, das heute ab der 5. Klasse unterrichtet wird, müsste bleiben. Der heute ab der 2. Klasse übliche Englisch-Unterricht hingegen würde auf die Sekundarstufe verschoben. Etwas anderes liesse der Bund nicht zu, so Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP). Schliesslich habe Bundesrat Berset bereits mit einem Sprachengesetz gedroht, um sicherzustellen, dass die Kinder bereits in der Primarschule eine zweite Landessprache zu lernen beginnen.

Handelt es sich um Zeitverschwendung?

Dennoch ist die vom ZLV aufgeworfene Frage berechtigt: Lohnt sich der Aufwand für zwei Fremdsprachen an der Primarschule? Studien belegen: Am Ende der Schulzeit macht es keinen grossen Unterschied, ob Kinder schon in der Primarschule oder erst auf der Sekundarstufe Unterricht in zwei Fremdsprachen erhalten. Ist es also Zeitverschwendung, den Primarschul-Stundenplan mit zwei Fremdsprachen zu zerstückeln? Bisherige Erfahrungen deuten ein Stück weit darauf hin. Mit zu Beginn zwei Wochenstunden Frühenglisch ab der zweiten Klasse lassen sich tatsächlich nur bescheidene Lernerfolge erzielen. Trotzdem wäre es verfrüht, den Fremdsprachenunterricht, wie er seit 2004 an den Zürcher Primarschulen praktiziert wird, auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Vor allem aus zwei Gründen. Erstens: Hört man sich bei Primarschulkindern um, so ist das Interesse am Fremdsprachenunterricht durchaus vorhanden. Zweitens: Auch die Schule ist lernfähig.

So soll die erste Fremdsprache, Frühenglisch, mit dem Lehrplan 21 im Kanton Zürich ab 2018 neu erst ab der dritten Klasse eingeführt werden, dafür mit drei statt zwei Wochenstunden. Dadurch können Schulkinder von Beginn an etwas tiefer in die neue Sprache eintauchen – und rascher Lernerfolge erzielen, was wiederum zum Weiterlernen motivieren dürfte.

Ein weiterer Punkt: Mit der Zeit gibt es immer mehr Lehrerinnen und Lehrer, für die zwei Fremdsprachen an der Primarschule selbstverständlich sind. Sie haben, anders als Teile der heutigen Lehrerschaft, auch die entsprechende Grundausbildung hinter sich. Und sie können auf die entsprechenden neuen Lehrmittel zurückgreifen. Dies lässt hoffen, dass die kommenden Primarlehrergenerationen besser darauf vorbereitet sind, Englisch und Französisch zu unterrichten – vielleicht auch motivierter.

Grundsätzlich ist es gut, wenn Kinder in einer zunehmend globalisierten Welt möglichst früh mit der Weltsprache Englisch in Berührung kommen. Ob es dann auch noch Französisch in der Primarschule sein muss, erscheint schon eher als fraglich. Bereits heute ist zu beobachten, dass Kinder und Jugendliche aus der Welsch- und der Deutschschweiz eher auf Englisch miteinander reden als in der zwecks nationalem Zusammenhalt schulisch verankerten zweiten Landessprache. Dies wäre ein Punkt für die Fremdspracheninitiative des ZLV – wenn es danach nur noch Frühenglisch an der Primarschule gäbe. Allerdings scheint dies, wie eingangs erwähnt, derzeit politisch nicht durchsetzbar zu sein.

Gültiges System ist eine Chance

Wägt man alle Argumente ab, ergibt sich, was auch der Regierungsrat und die Mehrheit der Parteien – mit Ausnahme von SVP, EVP und EDU – finden: Das heute gültige System mit zwei Fremdsprachen an der Primarschule ist eine Chance. Es ist daher vorerst beizubehalten und weiterzuentwickeln. Zumal ein Systemwechsel mit grossem Aufwand verbunden wäre: Die Stundenpläne fast der ganzen obligatorischen Schulzeit müssten geändert werden, ebenso die Lehrerausbildungen und Lehrmittel.

Das heisst aber nicht, dass das heutige System in Stein gemeisselt ist. Es muss auch im Kanton Zürich, der bislang keine Studie dazu durchgeführt hat, immer wieder überprüft werden. Sollte eine Mehrheit der Lehrkräfte in ein paar Jahren immer noch überzeugt sein, dass Aufwand und Ertrag mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule in keinem Verhältnis stehen, müsste der Kanton nochmals über die Bücher.