Findeldinger
Zügeln heute

Auch ich gehöre zu jenen, die sich in Studentenzeiten mit Gelegenheitsjobs das Geld dazuverdient haben, das es halt eben braucht, um ein echtes Studentenleben zu führen.

Martin von Aesch
Martin von Aesch
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Ich muss allerdings zugeben, dass ich um gewisse Arbeiten einen riesigen Bogen gemacht habe. Denn mein Rücken zwickte schon in meinen besten Zeiten hin und wieder ungebührlich. So wäre es mir zum Beispiel nie in den Sinn gekommen, eine Stelle auf dem Bau anzunehmen. Zementsäcke, Backsteine, Armierungseisen schleppen. Nein. Das wäre mir nicht gut bekommen. Das beste Geld hätte sich damals auf der Sihlpost verdienen lassen. Vor allem nachts. Doch nur schon beim Gedanken an die schweren Pakete graute mir. Auch als Zügelmann hätte ich eine äusserst schlechte Falle gemacht und wohl schon nach wenigen Minuten die Löffel abgeben müssen. Klar, es gibt Hilfsmittel. Zum Beispiel Gurten, die das Tragen erleichtern sollen. Wenn ich mir aber vorstelle, wie ich ein Klavier ein enges Treppenhaus hochwuchte! Um Himmels willen, nein.

Nun höre ich, dass das Zügeln der Neuzeit ganz andere Fähigkeiten erfordert. Heute sei in erster Linie Diskretion gefragt. Wie zum Beispiel im Fall Fifa. Wir alle wissen, dass im Zürcher Hauptsitz etliche Büros geräumt werden müssen. Nein, es geht nicht um das Mobiliar. Das bleibt stehen. Es geht nur um gewisse Akten, die nicht in die falschen Hände geraten dürfen. Es geht vielleicht auch um prall gefüllte Briefumschläge, deren Inhalt niemanden was angeht. Es geht also um Gewichte, die sogar ich stemmen kann. Weil man dazu weniger Rücken als vielmehr Rückgrat braucht.

Ich stelle mir einen Arbeitstag in etwa so vor: Ich fahre mit einem unauffälligen Wagen an der Fifa-Strasse 20 vor, hole betont lässig zwei Einkaufstüten aus einem der Büros, verstaue diese auf dem Hintersitz und mache mich dann auf den Weg ins Oberwallis. Weil an der Verladerampe am Lötschberg eine Wartezeit von einer halben Stunde angesagt ist, nehme ich mir – damit es mir nicht langweilig wird – einige der Akten vor. In Goppenstein ist mir dann die Dimension der ganzen Geschichte klar. Nun kommt aber eben die Diskretion ins Spiel. Schwache Menschen ohne jedes Ehrgefühl würden mit diesen zwei Einkaufstüten sofort die nächste Zeitungsredaktion ansteuern.

Ich natürlich nicht. Deshalb wäre ich für diesen Job auch wirklich geeignet. In diesem Sinn erwarte ich dein Angebot, lieber Sepp.

Martin von Aesch ist Autor und Musiker. Er lebt in Schlieren.