Kommentar
Wir müssen uns betroffen fühlen

Ein Limmattaler Steakhouse lanciert ein Wettfressen. Wir berichtetn darüber und machten auf die Gesundheitsrisiken aufmerksam. Einige Leser finden, wir hätten diesen Bericht nie publizieren dürfen. Wir finden: Doch, es musste sein.

Jürg Krebs
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Den Rekord von 1,3 Kilogramm Fleisch für eine Mahlzeit gilt es zu schlagen.

Den Rekord von 1,3 Kilogramm Fleisch für eine Mahlzeit gilt es zu schlagen.

Kenneth Nars

Ein Dietiker Steakhouse ruft einen Wettbewerb aus, bei dem es darum geht, möglichst viel Fleisch aufs Mal zu essen. 1,3 Kilogramm sind zu schlagen. Wir berichteten vor einer Woche darüber. Wir zeigten gleichzeitig auf, dass ein hoher und regelmässiger Fleischkonsum durchaus gesundheitliche Folgen haben kann. Und wir liessen die Birmensdorfer Aktivistin Hélène Vuille zu Wort kommen, die erfolgreich gegen Lebensmittelverschwendung ankämpft und die Dekadenz der Veranstaltung geisselte. Der Artikel hat unsere Leserschaft bewegt. Interessant waren die negativen Mails. Die einen fanden das Titelbild mit dem dicken Mann und dem Fleischberg auf dem Teller eine Schweinerei. Andere monierten, dass angesichts der Hungernden dieser Welt eine solche Geschichte in der Zeitung nicht vorkommen darf.

Ich frage höflich zurück: Warum eigentlich nicht? Der Esswettbewerb ist Realität. Ebenso ist es Realität, dass in der Schweiz rund ein Drittel aller Lebensmittel im Müll landet. Und ja: Wir alle essen zu viel. Ja, wir dürfen, sollen uns durchaus betroffen fühlen – angesichts der Hungernden auf dieser Welt. Erst kürzlich hat Hans Rudolf Herren, der mit seiner Arbeit Millionen von Menschen vor dem Verhungern gerettet hat und dafür 2013 den alternativen Nobelpreis erhielt, am Wirtschaftsforum in Geroldswil gesagt: Auf der Welt gibt es genug Essen, um alle zu ernähren, doch es ist ungleich verteilt. Als Journalist darf ich meine Augen vor dieser Tatsache nicht verschliessen. Und deshalb thematisiert die LiZ einen Esswettbewerb vor unserer Haustüre – kritisch. Auch unser Essverhalten kann Leben retten.