Zürich
Theater um ein Köppel-Theater

Das Zürcher Neumarkt-Theater lotet die Freiheit der Kunst aus.

Matthias Scharrer
Matthias Scharrer
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Auf der Seite wird dazu aufgerufen, Roger Köppel zu verfluchen.

Auf der Seite wird dazu aufgerufen, Roger Köppel zu verfluchen.

Screenshot schweiz-entköppeln.ch

Selten sorgte eine Theater-Aufführung schon im Voraus für so viel Theater wie die heute Abend im Zürcher Neumarkt-Theater geplante Performance «Roger Köppel – eine Abschiebung». Gewiss, die Ankündigungen von Philipp Ruch, der die Performance konzipiert hat, haben es in sich: Da ist von der «unverzüglichen Deportation des Chefideologen Roger Köppel» die Rede.

Via Internet wird dazu aufgerufen, SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Herausgeber Köppel aufs Übelste zu verfluchen. Auch wird eine Prozession zu Köppels Wohnsitz angekündigt, verbunden mit der Aufforderung, stinkende Fische mitzubringen. Die Reaktionen sind heftig: Die SVP fordert, dem Theater Neumarkt die Subventionen zu streichen. Und die FDP verlangt von Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), sich für die Absetzung der Performance einzusetzen.

Ruchs Projekt mag stinken. Doch wer einem Theater wegen einer angekündigten provokativen Aktion eines Gast-Ensembles gleich den Geldhahn zudrehen will oder zensurartige Einflussnahme des Stadtoberhaupts verlangt, missachtet Artikel 21 der Bundesverfassung: «Die Freiheit der Kunst ist gewährleistet.»

Kurt Tucholsky brachte es auf den Punkt: «Was darf Satire? Alles.» Und: «Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht.» Übrigens: Wo blieb der Aufschrei von FDP und SVP, als Köppel in der «Weltwoche» den Nazi Hermann Göring als «charismatisches Netzwerkgenie» lobte – oder als sein Blatt kürzlich zum Thema «Kriminelle Ausländer in der Schweiz» ein Titelbild brachte, das stark an das Nazi-Kampfblatt «Der Stürmer» erinnerte? Er blieb aus.