Wochenkommentar
Seelenheil darf nicht an Haarspalterei zerbrechen

Der Wochenkommentar von Jürg Krebs, Chefredaktor der Limmattaler Zeitung, über die katholische Kirche auf ihrem Passionsweg zwischen Tradition und Moderne.

Jürg Krebs
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Jesu Kreuzigung verspricht Vergebung aller Sünden, seine Auferstehung ewiges Leben. (Symbolbild)

Jesu Kreuzigung verspricht Vergebung aller Sünden, seine Auferstehung ewiges Leben. (Symbolbild)

Keystone

Ostern ist das wichtigste Fest für Christen: Jesu Kreuzigung verspricht Vergebung aller Sünden, seine Auferstehung ewiges Leben. Der Sohn Gottes, der für die Menschen stirbt und danach zu ihnen zurückkehrt, das ist zentraler Glaubensinhalt. Doch wie geht es den Gläubigen heute innerhalb der Kirche, die Jesus begründet hat?

Zumindest die Zürcher Katholiken sind verunsichert. Wenn sie dieser Tage einen Gottesdienst besuchen, dann werden unter ihnen Geschiedene sein, Mitmenschen also, denen das Sakrament der Eucharistie nach geltendem Kirchenrecht verwehrt wäre, auch solche, die verbotenerweise künstlich verhüten. Während der für Zürich zuständige Bischof Huonder solche Zustände geisselt, drücken die Priester in den Pfarreien beide Augen zu. Was nicht sein darf, wird somit trotzdem Realität. Diese Praxis mag als pragmatisch gelten, für Gläubige bleibt sie ein Problem: Wer sich zur Kirche gehörig fühlt, will von ihr akzeptiert sein. Die Folge: Die Entfremdung zwischen Basis und Institution nimmt zu.

Gläubige beten, die Schweizer Bischofskonferenz möge sich gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Der Fall des Pfarrers von Bürglen, der ein gleichgeschlechtliches Paar segnete, zeigt: Von ihr ist keine Hilfe zu erwarten. Selbst der Basler Bischof Gmür, der neben dem St. Galler Büchel als vergleichsweise aufgeschlossen gilt, will keine positiven Zeichen setzen. Im LiZ-Interview vom Donnerstag erklärte er: Eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ist nicht möglich. Auch Gmür ist also kein wirklicher Hoffnungsträger, selbst wenn er persönlich eine andere Meinung als die offizielle für richtig halten mag.

Zerbricht, wer sich nach dem Zeitgeist biegt?

Die Geschichte wiederholt sich: Der Hoffnung der Gläubigen auf Veränderung begegnen die Schweizer Bischöfe stets mit dem Verweis auf Kirchenrecht sowie auf 2000 Jahre Tradition. Sie warnen, dass der Zeitgeist Strömungen unterworfen ist und eine Kirche, die sich ständig danach biegt, daran zerbrechen kann. Zu Bedenken gilt: Regeln können nur von der Gesamtheit der Bischöfe abgeändert werden. Doch Johannes Paul II. hat in seiner langen Amtszeit keine Reformer zu Bischöfen ernannt. Weil diese auf Lebzeiten gewählt sind, bleibt das Episkopat konservativ bis reaktionär.

Dabei ist nicht alles gottgegeben, was so scheint. Der Schweizer Theologe Hans Küng zeigte auf, dass die Kirche sehr wohl reformierbar ist, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Sein französischer Kollege Yves Congar, dass es eine unveränderliche Kirchentradition gibt, daneben aber Traditionen Platz finden, die dem Zeitgeist unterworfen sind, ja unterworfen sein müssen, damit die Kirche lebendig bleibt. Das sieht der ehemalige Abt der Klöster Einsiedeln und Fahr, Martin Werlen, genauso.

Die Basis hat kein Gehör für dogmatische Details, empfindet so manches als weltfremde Spitzfindigkeit. Die Katholiken wollen eine Kirche, die zeitgemässe Lebens- und Glaubensorientierung bietet – und nicht mit dem Zeitgeist vergangener Jahrhunderte argumentiert.

Die frohe Botschaft von Papst Franziskus

Papst Franziskus scheint dies verstanden zu haben. Vor Kirchenrichtern sagte er kürzlich, dass das Seelenheil von Menschen nicht an juristischen Hindernissen scheitern, die Rechtsprechung nicht in Haarspalterei ausarten dürfe. Überhaupt ist mit Franziskus vieles anders. Er lässt zumindest eine Debatte zu, wo bislang jeder Dialog abgewürgt wurde, zeigt auf, dass es allen Regeln zum Trotz alternative Wege gibt. Es ist zu hoffen, dass die Schweizer Bischöfe ihrem obersten Hirten folgen. Mit Blick auf Ostern kann Franziskus’ Wirken als frohe Botschaft für die Schweizer Gläubigen verstanden werden.

juerg.krebs(ad)azmedien.ch