Wochenkommentar
Nicht jedes Nein ist Ausdruck einer Aversion gegen Muslime

Warum das Nein des Volksschulamts zu einem muslimischen Kindergarten in Volketswil richtig ist, aber nicht für jeden Fall Gültigkeit haben darf.

Jürg Krebs
Merken
Drucken
Teilen
Die Schweiz prägt eine pluralistische Gesellschaft - daran muss sich auch ein muslimischer Kindergarten ausrichten.

Die Schweiz prägt eine pluralistische Gesellschaft - daran muss sich auch ein muslimischer Kindergarten ausrichten.

Die Schweiz sucht einen gangbaren Weg mit ihrer muslimischen Bevölkerung. Es ist derzeit ein steiniger Pfad, der beschritten wird, nicht selten gleichen die Bemühungen einer Gratwanderung: Unsichere Schritte, geprägt von der Angst abzustürzen – eine Gesellschaft sucht Halt.

Das Volksschulamt des Kantons Zürich verweigerte diese Woche dem Verein Al Huda die Bewilligung für einen muslimischen Kindergarten für bis zu 25 Kinder in Volketswil und schlug damit ein neues Kapitel in dieser Geschichte auf. Das Volksschulamt befürchtet eine einseitig, religiöse Wertevermittlung und die Gefahr, dass Leitsätze der Volksschule wie «Toleranz, Offenheit und Dialogbereitschaft» verletzt werden könnten. Das Volksschulamt stützt sich dabei auf Passagen im Bewilligungsantrag und der Internetseite von «Al Huda». Die Nähe eines Vereinsmitglieds zum auch bei Muslimen umstrittenen Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS) erscheint dem Volksschulamt ebenfalls problematisch.

Der Verein Al Huda seinerseits hat den negativen Entscheid erwartet. Er glaubt, dieser verletzte die Rechtsgleichheit unter den Religionen in der Schweiz, denn auch Juden, Katholiken oder Reformierte dürfen eigene Privatschulen führen. Der IZRS reagierte sofort: «Ein typischer Entscheid für die Schweiz von heute und ihren Umgang mit dem Islam: ängstlich, abwehrend und kurzsichtig.» Der IZRS hätte es lieber gesehen, «Al Huda» hätte den Betrieb des Kindergartens aufnehmen dürfen, um so beweisen zu können, dass alles mit rechten Dingen zu und her geht.

Die Ausgangslage ist klar: Die Schweiz ist geprägt von einer offenen, pluralistischen Gesellschaft. Die Zürcher Bildungsdirektion interpretiert dies so: «Die Volksschule erzieht zu einem Verhalten, das sich an christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen orientiert. Dabei wahrt sie die Glaubens- und Gewissensfreiheit und nimmt auf Minderheiten Rücksicht.»

Und wie sehen das im konkreten Beispiel die Muslime des Verein «Al Huda»? Er schrieb auf seiner Internetseite am 17. April 2012: «Gute Kindergärten und Schulen können mit Allah’s Hilfe den unislamischen Einflüssen entgegenwirken, die unseren Nachwuchs zu (...) grossen Sünden führen.» Diese Passsage wurde mittlerweile gelöscht. Und der IZRS beschreibt auf seiner Seite die eigene Sichtweise so: «Für eine Gemeinschaft (gemeint ist die Muslimische, Anm.d.Red.), die nicht bereit ist, ihre religiöse Observanz (= religiöse Regeln, Anm.d.Red.) einer neuen Säkularisierungswelle zu opfern, bleibt nur der Ausweg, eigene Schulen zu etablieren.» Es wird deutlich: Da treffen zwei Ansichten aufeinander, eine säkulare und eine religiös geprägte. Kann es somit überhaupt eine gemeinsame Zukunft geben?

Religionen suchen Antworten naturgemäss bei Gott, Allah, Jahwe. In der Dietiker römisch-katholischen St.-Agatha-Kirche steht für alle deutlich zu lesen geschrieben: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Da erhebt Jesus in der Überlieferung von Johannes den Anspruch, den Weg zu kennen – seinem Beispiel ist zu folgen. Religionsstifter lassen sich nicht gerne reinreden, das ist nicht neu. Die Muslime in Volketswil tun dies ebenso: «Al Huda» bedeutet auf arabisch: «der rechte Weg».

Unterschiedliche Haltungen sind an sich noch kein Problem, denn Gläubige werden in der Schweiz nicht an der Religionsausübung gehindert. Reibungen gibt es dann, wenn die alten Schriften nicht im Geiste der heutigen Zeit interpretiert werden. Wenn Religion über die demokratischen und rechtlichen Normen der heutigen Lebenswelt in der Schweiz gestellt wird. Wenn der Dogmatismus die Toleranz verdrängt. Doch das ist kein rein muslimisches Problem, sondern eines das beispielsweise auch bei orthodoxen Juden oder Evangelikalen auftritt.

Seit dem Niedergang des Kommunismus feiert die Religion ein Comeback. Der Kalte Krieg ist durch einen hochstilisierten Glaubenskrieg ersetzt. Politik ist einfacher, wenn man sie mit einem Feindbild begründen kann. Auch in der Schweiz ist Religion wieder ein Thema. Plötzlich entdeckte sie, dass viele Gastarbeiter aus der Türkei und den Nachfolgestaaten Jugoslawiens – zumindest auf dem Papier – muslimischen Glaubens sind. Seither wird eine öffentliche Debatte geführt, welchen Platz der Islam in einer christlich geprägten Schweiz einzunehmen hat. Statt auf den von der Schweiz so hochgehaltenen Wert des Dialogs zu setzen, ist die Diskussion geprägt von Emotionen, Vorurteilen und Ignoranz, wozu beide Seiten und auch Politik sowie Medien ihren Teil dazu beitragen. Dass in dieser Situation der Wunsch nach einem muslimischen Kindergarten in Volketswil zum Politikum wird, kann niemanden verwundern.

Rechtlich gesehen spricht nichts gegen einen muslimischen Kindergarten. Religionen und Konfessionen dürfen Privatschulen unterhalten. Der Punkt ist aber: Sie alle müssen die Ziele des Zürcher Lehrplans «grundsätzlich» einhalten und den Unterricht so gestalten und organisieren, dass dies möglich ist. Der Lehrplan muss folglich für die obligatorische Schulzeit – zu der im Kanton Zürich auch der Kindergarten gehört – die Grundlage bilden, Religion darf in Zusatzfächern und in der Schulkultur eine Rolle spielen – nicht umgekehrt.

Im Falle des muslimischen Kindergartens hat das Volksschulamt Zweifel. Und auch im Unterricht von jüdisch-orthodoxen Schulen in Zürich spielt Religion offenbar eine zu zentrale Rolle, sodass das Volksschulamt Korrekturen verlangt, wie diese Woche ebenfalls bekannt wurde. Dass das Volksschulamt die Einhaltung der Regeln einfordert, ist richtig. Zwar können sich auch Werte im Laufe der Zeit verändern, doch noch ist die Schweiz eine säkulare Gesellschaft, mit einem humanistischen Weltbild. Dass dies so bleibt, hat nicht zuletzt die Volksschule mit ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag Sorge zu tragen. Wenn der Verein Al Huda also den Nachweis erbringt, seinen Kindergarten auf genau diese Basis zu stellen, dann kann ihm das Volksschulamt eine Bewilligung nicht verwehren.

Aus diesem Grunde kann der Entscheid des Volksschulamts auch nicht mit dem Minarettverbot gleichgesetzt werden, wie vom IZRS kritisiert. Das Verbot ist tatsächlich ein Ausdruck der Ressentiments, welche die Schweiz den Muslimen gegenüber hat. Ein Minarett ist keine Gefahr für eine offene, pluralistische Gesellschaft – wenn schon ist es Ausdruck davon. Aber ein Kindergarten, der «unislamischen Einflüssen entgegenwirken» will, trägt dazu bei, eine Religionsgemeinschaft von der Schweizer Gesellschaft abzukoppeln. Das ist nicht im Sinne des Gemeinwesens und wird zurecht unterbunden.

Trotzdem: Man sollte diesen Fall nicht verallgemeinern. Nur ein kleiner Teil von Muslimen bekundet Schwierigkeiten mit dem, was als schweizerisch bezeichnet wird: Dass die zentralen Werte unseres Landes mit jenen von gläubigen Muslimen durchaus kompatibel sind, zeigte sich letztes Jahr anlässlich einer Diskussion zum Thema zwischen Christen und Muslimen im Dietiker Stadthaus. Das lässt hoffen, dass die Schweiz und ihre Religionen einen gemeinsamen Weg finden werden.

juerg.krebs@azmedien.ch
www.twitter.com/jrgkrebs