Kommentar
Kein Zwang zur Tagesschule

Der allmähliche Trend zur Tagesschule ist deutlich – und die Gründe liegen auf der Hand.

Matthias Scharrer
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Nach dem Mittagessen in der Tagesschule können Kinder unter Aufsicht von Lehrpersonen beispielsweise Hausaufgaben machen.

Nach dem Mittagessen in der Tagesschule können Kinder unter Aufsicht von Lehrpersonen beispielsweise Hausaufgaben machen.

Matthias Scharrer

Dass Mami und Papi arbeiten, ist vermehrt der Normalfall, nicht nur in Zürich. Als Folge davon sind familienexterne Kinderbetreuungsplätze zunehmend gefragt. Viele Gemeinden schaffen es kaum noch, der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Der Zürcher Stadtrat zieht nun die radikale Konsequenz: Er setzt für die Zukunft ganz auf das Modell Tagesschule. Bis 2025 sollen Tagesschulen in Zürich flächendeckend eingeführt sein – und im Grundsatz für alle Kinder obligatorisch.

Vor allem der letzte Punkt ist heikel. Denn er bedeutet nichts anderes als das Ende des familiären Mittagstischs an bis zu vier Tagen pro Woche. So oft blieben nämlich die Schülerinnen und Schüler auf Sekundarstufe künftig über Mittag von zu Hause weg. In der Primarschule wären es drei Tage, im zweiten Kindergartenjahr immerhin schon deren zwei.

Ohne in rückwärtsgewandte Romantik zu verfallen: Auch in heutigen Doppelverdienerfamilien, in denen die Eltern Teilzeit-Arbeitspensen haben, ist das gemeinsame Mittagessen mit den Kindern ein wichtiger Bestandteil der knapp bemessenen Familienzeit. Darauf zu verzichten, dürfte vielen schwerfallen. Und man braucht kein Hellseher zu sein, um zu erkennen: Ein Zwang zu diesem Verzicht wird Widerstand hervorrufen.

Dennoch ist es richtig, dass die Stadt Zürich vorwärts macht in Richtung Tagesschule. Wenn die Schulen dazu umgerüstet sind, wird dies vielen Kindern ein unnötiges Herumhetzen von der Schule zu externen Betreuungsplätzen und zurück in die Schule ersparen. Stattdessen werden sie mehr Konstanz erleben. Und berufstätige Eltern müssen sich nicht mehr um kostspielige externe Betreuungsplätze kümmern.

Unbehagen löst einzig das vom Zürcher Stadtrat langfristig angepeilte Tagesschul-Obligatorium aus. Wenn das Bedürfnis nach Tagesschulen tatsächlich wie prognostiziert zunimmt, sollte Zwang eigentlich nicht nötig sein.