Wohnformen im Alter
Gemeinschaft ist gut für unsere Gesundheit

Acht Seniorinnen und Senioren in Schlieren haben ihr Schicksal selber in die Hand genommen und im letzten Herbst eine Alters-WG gegründet. Sich in einer Gemeinschaft geborgen zu fühlen, hat einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit und unsere Lebensqualität – gerade im Alter.

Bettina Hamilton-Irvine
Bettina Hamilton-Irvine
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Seit vergangenem Oktober wohnen die Senioren gemeinsam in einem Haus an der Schlieremer Schulstrasse.

Seit vergangenem Oktober wohnen die Senioren gemeinsam in einem Haus an der Schlieremer Schulstrasse.

Alex Rudolf

Wie würden Sie im Alter am liebsten wohnen? Alleine im Haus, in dem Sie jetzt wohnen? In einem Altersheim? Einer Alterswohnung? Mit der Familie Ihrer Kinder? Viele Menschen bedrückt der Gedanke ans Älterwerden. Wie wird es sein, wenn nach der Pensionierung eine Aufgabe und die Tagesstruktur fehlen, wenn wir plötzlich allein sind, weil unser Partner gestorben ist, wenn wir nicht mehr fit genug sind, um all das zu tun, was wir tun wollen, wenn das Haus zu gross geworden ist, das Treppensteigen zu mühsam, wenn wir auf Hilfe angewiesen sind? Werden wir zur Belastung werden, einsam sein? In einem Altersheim in einer Ecke sitzen und hoffen, dass wieder einmal Besuch kommt?

Solche Fragen lösen Ängste aus. Doch es kann auch ganz anders sein. Acht Seniorinnen und Senioren in Schlieren haben ihr Schicksal selber in die Hand genommen und im letzten Herbst eine Alters-WG gegründet. Was sie verwirklicht haben, ist ihr persönlicher Traum von einem erfüllten und selbstbestimmten Lebensabend: Die vier Paare im Alter zwischen 67 und 76 Jahren, die schon seit Jahrzehnten eng befreundet sind, wohnen nun in vier Wohnungen im gleichen Haus an der Schlieremer Schulstrasse. Jedes Paar hat seinen Rückzugsort, doch sie alle teilen ein Dach miteinander und einen Teil ihres Lebens. Einige von ihnen musizieren zusammen, manchmal essen alle gemeinsam, sie teilen einen Fitnessraum und organisieren Unternehmungen, an denen teilnehmen kann, wer will. Noch wichtiger aber ist das Gefühl nicht alleine zu sein. Oder wie es Angiolina Epple, eine der Bewohnerinnen, sagt: «Es ist wunderbar zu wissen, dass da immer jemand ist, der einem nahe steht.»

Sich in einer Gemeinschaft geborgen zu fühlen, ist nicht nur ein schönes Gefühl. Es hat auch einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit und unsere Lebensqualität – gerade im Alter. Denn während wir uns generell in der Mitte des Lebens weniger einsam fühlen als in frühen Jahren, nimmt die Häufigkeit im höheren Alter wieder zu, wie die «Pharmazeutische Zeitung» mit Verweis auf Studien aus Chicago schreibt. 15 bis 30 Prozent der Bevölkerung gelten als chronisch einsam.

Wer sich allein fühlt, setzt seinen Körper unter Stress

Für die Gesellschaft und den einzelnen Menschen ist das ein grosses Problem. Denn Einsamkeit macht krank. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Wer sich allein fühlt, setzt seinen Körper unter Stress und erhöht somit das Risiko für stressbedingte Krankheiten. Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die sich vor dem Einschlafen einsam fühlen, am nächsten Morgen einen höheren Cortisolspiegel haben. Zudem lässt Einsamkeit den Blutdruck steigen und erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten. Darüber hinaus hat das Gefühl, alleine zu sein, auch einen negativen Einfluss auf unsere seelische und geistige Gesundheit. Es kann zu Persönlichkeitsstörungen und Psychosen führen und wird mit nachlassender Kognition und Alzheimer in Verbindung gebracht. Einsame haben insgesamt ein höheres Sterberisiko als Menschen, die sich sozial eingebunden fühlen. Forscher haben herausgefunden, dass Einsamkeit alles in allem mindestens so schädlich ist für die Gesundheit wie Rauchen oder Fettsucht.

Das alles wären schon mehr als genug Gründe, wieso es sinnvoll ist, wenn wir gemeinsam wohnen – oder uns zumindest als Teil einer Gemeinschaft fühlen, die uns trägt und zu der wir etwas beitragen können. Wohnformen wie Alters-WGs haben aber auch einen positiven Effekt auf die Kosten für die Allgemeinheit. Denn im Kanton Zürich leben aktuell 18 von 100 Personen über 80 Jahren in einer Pflegeinstitution, was 8 mehr sind als der Schweizer Durchschnitt. Das hat viel damit zu tun, dass mehr als ein Drittel der Personen, die ein Pflegebett belegen, nur leicht oder gar nicht pflegebedürftig sind. Viele von ihnen suchen etwas anderes: Gesellschaft, Gemeinschaft, Gespräche, Sicherheit, Hilfe. All das würden sie auch in einer Senioren-WG finden – weit günstiger.

Die Bevölkerungsgruppe der Senioren wächst besonders stark

Dazu kommt, dass die Anzahl der alten Menschen in der Schweiz in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich wachsen wird. Bald erreichen die Babyboomer das Pensionsalter, gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Das Bundesamt für Statistik prognostiziert, dass bis im Jahr 2045 in der Schweiz 10,2 Millionen Menschen leben werden. Nicht alle Alterskategorien legen jedoch gleichermassen zu: Die über 65-Jährigen werden voraussichtlich ein Plus von 79 Prozent verzeichnen. Es ergibt also viel Sinn, wenn wir uns überlegen, wo diese grosse Bevölkerungsgruppe leben wird und welche Wohnformen für sie infrage kommen – und welche einen besonders positiven Effekt haben. Auf die einzelnen Menschen und die Gesellschaft.

Es muss ja nicht immer gleich eine Alters-WG sein. Auch Generationenhäuser, Überbauungen mit Quartiercharakter, Alterswohnungen mit Community-Zentren und Gemeinschaftsräumen und das Modell «Wohnen für Hilfe», bei denen Studenten gratis bei Senioren wohnen und dafür im Haushalt helfen, sind vielversprechende Modelle, die noch mehr Raum einnehmen dürfen. Gemeinden tun gut daran, in solche Ideen zu investieren. Denn der Mensch braucht Gemeinschaft, das wusste schon Aristoteles. Nicht nur im Alter. Aber dann erst recht.

Kontakt: bettina.hamilton-irvine@azmedien.ch