Kriegsende
Friede ist das Resultat harter Arbeit

Mit dem Verblassen des Zweiten Weltkriegs nimmt die politische Risikobereitschaft wieder zu und die Solidarität mit den Nachbarn ab - das gefährdet letztlich den Frieden.

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Soldaten lauschen am 8. Mai 1945 dem Glockengeläut anlässlich des Endes des 2. Weltkrieges in Europa.

Soldaten lauschen am 8. Mai 1945 dem Glockengeläut anlässlich des Endes des 2. Weltkrieges in Europa.

Keystone

Der Klang einer Glocke geht durch Mark und Bein. Erst recht, wenn wie gestern Nachmittag viele Glocken in Stadt und Kanton Zürich eine Viertelstunde lang geläutet haben. Ein Glockenschlag ist mehr als ein akustisches Ereignis. Ein Glockenschlag zielt aufs Unbewusste, fordert Aufmerksamkeit ein, will bewusst machen. So war das am 8. Mai 1945, als das Geläut verkündete: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Endlich.

So war das auch gestern am 8. Mai 2015. Doch 70 Jahre nach Kriegsende zeugt das Geläut nicht mehr nur von der Verbundenheit mit den damaligen Opfern und deren Angehörigen. Die Glockenschläge hatten einen sorgenvollen Unterton. Der will bewusst machen: Friede ist ein kostbares Gut. Daran erinnerte auch Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch, als sie um 17 Uhr auf dem Bürkliplatz eine Gedenktafel enthüllte. Wir tun gut daran, diese Sorgen ernstzunehmen, und die Diskussionen rund um Marignano und Morgarten einmal hintanzustellen.

Am 8. Mai 1945 wurden die Uhren neu gestellt, es begann die Stunde null in Europa. Zwar zählten die Jahrzehnte nach den zwei verheerenden Weltkriegen zu den friedlichsten, die der Kontinent je gesehen hat. Dies hängt wesentlich mit dem erlebten Schrecken und den Gräueln zusammen, die sich tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben haben und die nur einen Schluss zuliessen: nie wieder Krieg. Entsprechend vorsichtig agierten Europas Regierungen. Das galt auch auf ihre Art selbst für die vom Krieg weitgehend und unmittelbar verschonte Schweiz.

Doch nun sterben, in die Jahre gekommen, die letzten Zeitzeugen jener Katastrophe. Diese persönliche Tragödie ist unbedingt auch eine kollektive. Denn mit unseren Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern geht ein wichtiger Erfahrungsschatz verloren, der aus dem «Nie wieder Krieg» mehr machte als einen schicken pazifistischen Slogan, nämlich eine innere Überzeugung. Verbunden mit dem Willen, den Frieden zu sichern.

Europa hat naiverweise einen Konflikt ausgelöst

Dass der Eindruck des Krieges verblasst, hat bereits spürbare Folgen: Die politische Risikobereitschaft nimmt zu, die Solidarität mit den Nachbarländern ab – das gefährdet letztlich den Frieden.

Europa: Das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine hat 2013 zu einer ernsthaften Krise mit Russland geführt und die Ukraine in einen Krieg gestürzt. Noch vor 20 Jahren sass den europäischen Staaten angesichts des blutig zerfallenden Jugoslawiens die Angst im Nacken, in einen neuen europäischen und bewaffneten Konflikt gezogen zu werden. Sie zögerten (zu) lange, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Die Auswirkungen des Krieges spürte die Schweiz in Form der Zehntausenden von Flüchtlingen, die ins Land kamen. Ganz anders im Falle der Ukraine: Hier haben die europäischen Staaten blindlings und naiv einen Konflikt mit Russland heraufbeschworen, indem sie mit den Mitteln des Freihandels nach dem osteuropäischen Nachbarland greifen wollten.

Die Schweiz: Nach dem Zweiten Weltkrieg war klar, dass aus Feinden durch wirtschaftliche Zusammenarbeit Freunde werden sollten. Die Idee: Wer gleich viel zu verlieren hat, der ist gleich vorsichtig. Was mit der Montanunion unter anderem zwischen Deutschland und Frankreich begann, wurde zur Europäischen Union. Die Rechnung scheint bislang aufzugehen, wird durch die Eurokrise aber ernsthaft geprüft. Die Schweiz partizipierte an Europa, nach dem EWR-Nein 1992 in Form der bilateralen Verträge. Diese sind nach dem «9. Februar» nun in Gefahr, weil eine knappe Mehrheit der Bevölkerung übereilt auf Risiko statt Kontinuität setzte. Die Aufkündigung der Verträge wird zwar keinen Krieg auslösen, doch zu einer Destabilisierung des Landes kann sie beitragen, je nachdem, wie die wirtschaftlichen Folgen des Volksentscheids ausfallen werden.

Hunderttausende stehen an Europas Grenzen

Die Welt ist heute eine komplett andere als 1945. Doch ist sie auch sicherer geworden? Man muss dies bezweifeln. Weltweit werden 38 Millionen Binnenflüchtlinge gezählt. Trauriger Rekord. Die Zahl der bewaffneten Konflikte und Kriege liegt bei über 440. Auch dies ein Rekord. Und an den Grenzen Europas stehen vielleicht Hunderttausende, die Schutz und Arbeit suchen. Die Schweiz spürt, dass die unbeschwerten Zeiten vorbei sind.

Das alles zeigt: Friede, und damit verbunden Wohlstand, ist nicht selbstverständlich, sondern das Resultat harter Arbeit. Ähnlich formulierte es auch Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch am gestrigen Gedenkanlass: «Wir sind als glücklich verschonte und reich gewordene Nation verpflichtet, den grösstmöglichen Beitrag zum Frieden zu leisten.» Und vielleicht ist es das, was uns die Glocken gestern in eindringlichem Tonfall sagen wollten. Es ist zu wünschen, dass sie uns aufgerüttelt haben.